Weidmannsheil!

Und dann ist er endlich da. Der Tag aller Tage. Die Erwartungen sind hoch – an den Tag selbst, aber auch an die kommenden vier Monate voller Aufregung. Vor Ort macht sich ein ganz eigener Duft breit. Er schleicht sich in das Unterbewusstsein und lässt die Spannung im ganzen Körper ansteigen.

Es ist die Nacht zum 10. August.
Es ist die Nacht vor dem Bockjagdaufgang.
Schlafen? Daran ist kaum zu denken.

Diesmal war es bis zur Dämmerung stockdunkel, dazu ein feiner Nieselregen und starker Wind die ganze Nacht und bis in den Vormittag hinein. Leider behielt die Wettervorhersage ausnahmsweise mal Recht. Enttäuscht musste ich meine Arbeitstasche statt meiner Büchse klarmachen – ein bisschen Regen ist eine Sache, aber eine horizontale Dusche heißt für mich: keine Jagd.

Mit der Konzentration war es an diesem Arbeitstag nicht weit her. Als gegen zwei Uhr dann endlich die Sonne durchbrach, ließ ich einfach Arbeit Arbeit sein und machte mich – man mag mich jagdverrückt nennen oder nicht – im Grün auf in den Wald.  Jetzt müssten sich die Böcke eigentlich das Fell trocknen lassen!

Das sagten mir zumindest meine Theorie und mein Bauchgefühl, als ich kurz darauf ein großes offenes Feld erreichte, wo ich bei früheren Jagden zum Jagdaufgang mehrere Böcke erlegen konnte. Und das Bauchgefühl sollte mich nicht trügen: Kaum vier Minuten, nachdem ich angekommen war – und noch nicht mal einen Lockruf abgeben konnte – trat ein Vierender in etwa 100 Metern Entfernung aus dem Wald.  Wir reden definitiv nicht über die fetteste Beute des Jahres, aber wenn die Gefriertruhe leer und die Jagd eröffnet ist, dann ist für mich ein Bock ein Bock. Ausgewählt wird später. Gesagt, getan. Sekunden später wurde dieser Bock zum Empfänger einer perfekt platzierten 243. Win-Kugel. Die Premiere ist gelungen. 

Später am Nachmittag traf ich den Kollegen und Fotografen Chris Holter. Er wollte in der Abend- und Morgendämmerung dabei sein, um mit der Kamera festzuhalten, wie ich mit dem Gewehr schieße. Unser Plan stand schon fest: Wir wollten uns durch ein Waldstück schleichen, das an einem großen Einschlag endet. Früher war es gut überschaubar und wurde häufig von mehreren Böcken aufgesucht, jetzt wucherte es aber schon wieder zu. 

Der Wind stand günstig und obwohl wir zu zweit waren, bewegten wir uns recht leise voran. Und wie so oft, wenn es zu gut läuft, passiert's dann doch. Nur Sekunden, nachdem ich realisiert hatte, dass es zu gut lief und wir zu schnell vorankamen, stand der Bock da und sah uns an. Der Kerl wusste, was ihm drohte. Mist!

Die fünf (aber gefühlt fünfzig) Sekunden des Anglotzens endeten natürlich mit einer Kehrtwende und dem bekannten Bockbellen. Doch ehe wir uns hochrappeln konnten, tauchte tatsächlich eine Ricke mit zwei Kitzen hinter uns auf.  Wir ließen einen Lockruf ertönen in der Hoffnung, unseren Freund zurück zu locken – die Witterung der Damen und Rivalen der meisten Arten waren ja trotz allem immer noch da. Wunsch und Wirklichkeit klafften jedoch weit auseinander. Denn anstatt dass der Bock zur Ricke zurückkehrte, ließ diese die Kitzen stehen und rannte in die gleiche Richtung davon, die zuvor der Bock eingeschlagen hatte. Pech für uns, aber ein potenziell netter Abend für unsere vierbeinigen Freunde. Da der Wind immer noch günstig stand, entschlossen wir uns, die Verfolgung aufzunehmen.

Vorsichtig schlichen wir uns den Waldrand entlang und suchten mit dem Fernglas eifrig das Gelände ab. Und da! Da waren sie. Auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung versuchten sie, in den Wald zu entkommen. Wir lockten erneut und dieses Mal klappte es besser. Die Ricke drehte sich um und trat einen oder zwei Meter hinaus auf den Einschlag. Der Bock – etwas zögernd – hielt misstrauisch am Waldrand inne. 

Weitere Lockrufversuche zeigten aber keinen Erfolg mehr. Doch dann drehte sich der Bock doch noch etwas um. Er kam nicht ganz heraus, aber seine Flanke stand klar in der Schussbahn.  In Gedanken an den schwierigen Weg bis hierhin sagte mir mein Gefühl, dass dies unsere beste Chance dieser Runde war. Anlegen und zielen, dann knallte die 243er erneut. Der Schuss fühlte sich gut an, doch Bäume und Äste machten es schwierig, das Geschehen drüben im Wald zu beobachten.

Wir warteten kurz ab und bewegten uns dann vorsichtig zu der Stelle, wo der Bock gestanden hatte. Nach einigen Minuten Suche fanden wir ihn ca. 20 Meter entfernt im Wald – so weit war er ohne Luft noch gekommen.  Bock Nummer Zwei war ein schöner Waldbock mit sechs klassischen Enden.

Chris gelangen noch ein paar Aufnahmen, bevor wir uns auf den Weg zurück ins Camp machten. Hier hatte sich der Rest der Truppe bereits versammelt und war damit beschäftigt, ein ordentliches Lagerfeuer anzuzünden. Leckeres kaltes Bier ließ die Runde schnell in Stimmung kommen. 

Wir stoßen auf einen gelungenen Aufgang der Bockjagd an und machen es uns in hoffnungsfroher Erwartung einer spannenden Jagd auf Rentiere, Böcke, Vögel, Elche und Hirsche am Feuer gemütlich. Während das Feuer knistert, das Bier durch die Kehlen rinnt und uns die Dunkelheit umfängt, sind wir uns alle einig, dass es kaum etwas Schöneres gibt auf dieser Welt. 

 

 

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