Wiedersehen mit Patagonien

Im November besuchte ich Patagonien mit meinen beiden Freunden Ole Ivar Lied und Trym Atle Sæland. Wie immer waren unsere Ziele hoch, mit Plänen für neue Routen auf den höchsten Gipfeln. Aber von früheren Reisen nach Patagonien wussten wir, dass das berüchtigte Wetter die Ziele festlegt, die man sich setzen kann - falls man während des Aufenthaltes überhaupt in der Lage ist, etwas zu unternehmen...

Norrona-Botschafter Robert Caspersen unterwegs in Patagonien

Gleich nach der Ankunft im Dorf El Chaltén werden wir mit zwei Tagen schönem Wetter belohnt. Dies würde uns zwar nicht genug Zeit für unsere anspruchsvollen Aufgaben geben, aber genügen, um uns aufzuwärmen und unsere Ausrüstung für einen späteren Zeitpunkt in die richtige Position zu bringen. In aller Eile deckten wir uns mit Vorräten ein und begaben uns schwer bepackt ins Tal des Cerro Torre.

Die Strecken in Patagonien sind lang, aber abwechslungsreich und außergewöhnlich schön. Man beginnt in dem 400 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Dorf, und folgt den schönen Wegen durch herrliche Wälder, mit erfrischenden Bächen auf dem Weg. Auf einer Höhe von etwa 1000 Metern verlässt man den Komfort und die Sicherheit der schützenden Wälder und Wege und wagt sich zu den Gletschern, die sich auf den ausgefransten Spitzen erstrecken. Die Umgebung wird nach und nach immer alpiner und eine immer größere Herausforderung.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen in Patagonien

Nach sieben Stunden Wanderung erreichten wir das Moräne-Lager bei Niponino, in der Mitte des Torre-Gletschers. Hier haben Menschen Felsbrocken weit genug verschoben, um Platz für eine Handvoll kleiner Zelte zu schaffen. Wir hatten ein paar Stunden Schlaf, bevor wir um 02:30 Uhr frühstückten.

Unser Plan war, über eine neue Route am Aguja Standhardt (2700 m) hochzuklettern, oder um genauer zu sein, eine neue und direkte Alternative zur klassischen Route „Exocet“ zu finden. Weder Ole noch Trym hatten den Standhardt zuvor bestiegen, so dass sie sehr erpicht waren, den Berg hochzusteigen. Ole versuchte den Aufstieg zum „Exocet“ im Jahre 2010, musste jedoch auf halbem Weg abbrechen, weil sein Partner verletzt wurde; unglücklicherweise war ihm ein schweres Stück Eis auf den Kopf gefallen. Ich selbst war den Standhardt über den „Exocet“ bereits im Jahr 2010 mit Bjørn-Eivind Årtun hochgeklettert und war daher nicht besonders motiviert, dieselbe Strecke wieder zu machen. Aber der direkte Weg zum „Exocet“ war noch nie erklommen worden und würde 400 m neues Gebiet bedeuten - und dies inspirierte mich. Wir hatten einen Plan.

Klettern in Patagonien von Norrona-Botschafter Robert Caspersen

Wir verließen Niponino um 04:00 Uhr und begannen den dreistündigen Aufstieg zum steilen Gletscher, währen die Nacht allmählich einem schönen Morgen Platz machte. Während wir keuchend den Weg bis zum Gletscher zurücklegten, wechselte der Horizont im Osten, zwischen den steilen Berghängen des Fitz Roy und Cerro Torre-Massivs, allmählich von pechschwarz zu dunkelblau - dann rot - dann pink - orange - gelb - zu einem sonnigen Tag. Uns erwartete ein heikler Kletterabschnitt auf Steinplatten im unteren Abschnitt, und wir hoffen, dass die Morgensonne dies etwas erleichtern würde.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen - Patagonien

Am Bergschrund schmolz Ole etwas Schnee, um uns alle zu hydratisieren, während ich mich vorbereitete. Da ich den oberen Abschnitt der Route bereits früher bestiegen hatte, hatte ich die Ehre, den Vorstieg für die untere Hälfte der Route zu führen. Um 07:30 Uhr begann ich den Vorstieg, während Trym meine Seile hielt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Sonne uns gerade erst erreicht. Für diesen Abschnitt hatten wir Kletterschuhe dabei, aber wegen der großen Menge an Schnee und Eis waren wir gezwungen, die ganze Zeit lang unsere groben Schuhe und Steigeisen zu tragen. Dennoch empfanden wir das Klettern als angenehm, sauber und vielfältig. Nicht verzweifelt, sondern konstant und doch herausfordernd genug, um es interessant zu machen. Der zu erkletternde Abschnitt lag gut in Sicht und wir kletterten frei (bzw. so „frei“ wie es mit Steigeisen möglich ist...).

Norrona-Botschafter Robert Caspersen in Patagonien

Nach sieben Seillängen und 400 Metern über fantastischem neuem Terrain erreichten wir die Route „Exocet“ und ich überließ Ole das Ende des Seils für den Vorstieg. Er vibrierte förmlich vor Energie und war ganz auf die nächste Herausforderung konzentriert: ein vier Seillängen hoher Wasserfall in einem engen Kamin mit langen Abschnitten von nur einem Meter Durchmesser. Er führte uns mit hoher Geschwindigkeit und jeder Menge Selbstvertrauen durch diesen Bereich und hielt nur kurz inne, wenn er das Stöhnen seiner zwei Begleiter hörte, die von fallenden Eisbrocken bombardiert wurden. Beim Eisklettern gilt grundsätzlich die Regel, dass die Sicherung neben das Seil gesetzt wird, doch in einem engen Schlot wie diesem ist das einfach nicht möglich. Trym und ich versteckten uns so gut wie möglich unter unseren kleinen Rucksäcken und rissen uns zusammen, um keine Schwäche zu zeigen. Während der arme Ole versuchte, seine Geräte so vorsichtig wie möglich anzubringen, fühlte er sich an seinen letzten Versuch im Jahr 2010 erinnert…

Robert Caspersen beim Eisklettern in Patagonien

Norrona Botschafter Robert Caspersen beim Eisklettern in Patagonien

In den frühen Abendstunden stiegen wir aus dem kalten Eiskamin und traten auf den Gipfel. Die Sonne beleuchtete unsere Gesichter, aber wärmte uns nicht, da sie sehr schnell in Richtung Horizont sank. Was uns wärmte war die Aussicht vom weiten Eisplateau, die sich endlos in den Westen und Norden erstreckte. So sauber - so leise. Wir waren allein in den Bergen. Keine anderen Bergsteiger. Wir fühlten uns klein, aber sehr privilegiert.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Eisklettern in Patagonien

Robert Caspersen beim Klettern in Patagonien

Trym übernahm die Führung und führte uns sicher über den Rest des Weges zum Gipfel. Ein interessant gemischtes Terrain, gefolgt von einfachem Gelände, vor dem atemberaubenden Gipfelschneepilz. Wir erreichten den Gipfel um 19:30 Uhr und die Stimmung war gut - wie schon die ganze Zeit. Trotzdem hatten wir nicht viel Zeit zum Feiern - wir waren erst bei der Hälfte. Es gab noch 1000 m zum Abseilen zu schaffen, bevor es dunkel wurde.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Der Abstieg bei Dunkelheit mit Stirnlampe ist ein Bestandteil dieser Art von Klettern. Dennoch ist es immer ein wenig unheimlich. In diesem Stadium ist man in der Regel ziemlich müde. Dabei muss man sich voll darauf konzentrieren, den besten Weg nach unten zu finden und die Abseilhaken zu befestigen. Wenn man das Seil nach jedem Abseilen nach unten zieht, betet man, dass es sich nicht in einem Riss oder einer Felsformation verheddert - in dieser Phase möchte man verhindern, wieder nach oben klettern zu müssen, um das Seil zu befreien... das ist genau das, was mir und Bjørn-Eivind das letzte Mal passiert war, als ich vom Gipfel zum Standhardt hinabgestiegen war; ein schöner Tag in den Bergen verwandelte sich plötzlich in eine dramatische Nacht… Also war ich dieses Mal extra vorsichtig - und ging auf Nummer sicher, mit mehreren kürzeren Abseilungen in den besonders kritischen Stellen, anstatt das ganze Seil zu verwenden.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Wir nahmen uns Zeit, vermieden alle Pannen und erreichten den Fuß der Steigung in den frühen Morgenstunden - gerade, als das Wetter schlechter wurde. Was zunächst als nasser Schnee bei den letzten Abseilstellen begann, entwickelte sich bald zu starkem Regen, als wir den steilen oberen Teil des Gletschers hinunterstiegen. Wir schafften es zu verhindern, in der Dunkelheit in eine der Spalten zu fallen, und krochen schließlich um 04:00 Uhr in der Früh in unser Zelt am Niponino - genau 24 Stunden, nachdem wir es verlassen hatten. Zufrieden mit unserer Arbeit aßen wir etwas und fielen in einen kurzen Schlaf. Um 08:30 Uhr standen wir wieder auf, um den Ort zu verlassen, bevor das Wetter wirklich unschön wurde. Wir packten das Zelt zusammen und verstauten den größten Teil unserer Ausrüstung unter einem Felsen - für unser nächstes Projekt. Dann begaben wir uns wieder in Richtung Zivilisation. Zum Glück hatten wir beim Abstieg des Gletschers Rückenwind.

Ein argentinisches Steak als Belohnung nach dem Abenteuer in Patagonien

Als fröhliches Trio wanderten wir zurück zu El Chaltén und freuten uns schon auf ein trockenes Bett im Hostel unseres guten Freundes Seba - und auf ein großes argentinisches Steak. Wir hatten ein tolles Abenteuer und eine neue Route, wir waren gute Freunde und die Stimmung war toll. Wir arbeiteten als Team sehr gut zusammen - und dies war auch für unsere weiteren Pläne vielversprechend. Ich fühlte mich irgendwie neu geboren. Irgendwie war dieser Aufstieg für mich wie ein emotionales Comeback im alpinen Klettern. Nach dem Tod unserer guten Freunde und Kletterpartner, Bjørn-Eivind Årtun und Stein Ivar Gravdal auf dem Kjeragbolten im Februar 2012, hatten alle drei von uns einen schweren Rückschlag für unsere Bemühungen und Bestrebungen in den Bergen erlitten - etwas, das ganz natürlich ist. Mit dem Verlust vieler guter Freunde über die Jahre hat sich das Klettern ganz sicher geändert. Was früher eine Quelle purer Freude war, ist heute nicht mehr so rein. Dunkle Wolken trüben unsere größte Leidenschaft; gemischte Gefühle machen das Leben als Kletterer viel komplizierter. Einige grundlegende Fragen kommen auf: Wie können wir weiterhin die Menschen, die uns lieben und sich um uns sorgen, einer solchen Belastung aussetzen? Ist es angebracht, weiterhin unserem Streben nach der Eroberung des Bedeutungslosen nachzugehen?

Klettern auf einem hohen Level ist oft eine Gratwanderung zwischen dem, was nachhaltig ist und dem, was im Ganzen gesehen zu riskant ist. In Patagonien hatte ich dieses Mal das Gefühl, eine gute und „nachhaltige“ Strecke für unseren Sport gefunden zu haben. Oder mache ich mir vielleicht nur etwas vor? Einige von uns sind gut darin...

Das war ein fulminanter Start für unseren Aufenthalt in Patagonien. Wir konnten nicht wissen, dass dies auch der Kletterhöhepunkt unseres Aufenthalts sein würde… Das Wetter wurde nun schlecht und blieb es auch. Trym wurde krank und blieb fast den Rest der Reise im Bett. Dann, nach einer Woche, wurde ein 35-Stunden-Wetterfenster angekündigt und Ole und ich machten uns bereit, die kalifornische Route zum Fitz Roy zu versuchen. Leider wurde Ole noch am gleichen Morgen krank, und blieb für den Rest unseres Aufenthaltes mit Fieber im Bett. Aber zu meinem großen Glück waren ein Schwede und ein Däne in unserem Hostel, die auch auf dem Weg in die Berge waren. Als sie hörten, wie Ole sich bei mir entschuldigte und zurück ins Bett ging, luden sie mich sofort ein, mit ihnen zu kommen und den Supercanaleta am Fitz Roy zu erklimmen - sie wollten in einer halben Stunde aufbrechen! Ich hatte bereits alles gepackt und musste nicht weiter überzeugt werden - ich wollte unbedingt klettern! Also machte ich mich für ein doppeltes Abenteuer bereit: mit neuer Strecke und neuen Partnern.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen - Patagonien

Der Schwede, der Däne und der Norweger wanderten einen langen Tag, um an die richtige Position auf der anderen Seite des Berges zu gelangen, und bauten ihr Lager am Fuße des Berges bei überraschend schlechtem Wetter auf. Zum Glück wurde die Wettervoraussage wahr und während der Nacht klärte sich der Himmel und machte einem kalten und klaren Morgen Platz.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen - Patagonien

Norrona-Botschafter Robert Caspersen - Patagonien

Am nächsten Tag stiegen wir ca. 1400 atemberaubende Meter hinauf, bis der Schwede kalte Füße bekam, zunächst bildlich und später wörtlich... früh am Nachmittag bat er um einen Halt. Er war erschöpft. Er konnte nicht mehr. Er trug alle seine Kleider und war immer noch am Frieren. Er wollte hinuntersteigen.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen - Patagonien

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Es waren nur noch 350 wunderschöne, leichte Meter bis zum Gipfel zu klettern. Wir waren so nahe am gigantischen Fitz Roy. Und so sollte es enden? Wir bereiteten etwas zu Essen zu und ließen ihn ausruhen. Aber er erholte sich nicht. Er schien sich bei dem Gedanken, die Nacht in den Bergen zu verbringen, zu fürchten.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Natürlich hätten wir uns über Nacht abseilen müssen, um runter zu kommen. Aber war das nicht ein Teil des Plans gewesen? Hatten wir uns etwa missverstanden? Wir hatten noch Zeit, um den Gipfel vor Anbruch der Dunkelheit zu erreichen, und wenn wir uns sehr beeilten, konnten wir noch vor Anbruch der Dunkelheit mit dem Anseilen beginnen. In jedem Fall wäre ein Großteil unseres Rückweges im Dunklen erfolgt - das gehört zu diesem Spiel dazu. Aber wir hätten auch rasten können, wenn wir wirklich auf das Tageslicht warten mussten oder einfach mehr Rast brauchten; wir hatten unsere Ausrüstung dabei. Ich hatte eine extra Daunenjacke und einen Biwaksack in meinem Rucksack, der groß genug für uns drei war; wir hatten einen Ofen und genug zu essen. Was war das Problem?

Er war offensichtlich körperlich müder als ich gedacht hatte, und dies beeinträchtigte auch seine Willensstärke. Er war nicht fit für den Aufstieg, weder physisch noch psychisch. Der Gedanke, weiterzumachen, war einfach zu schrecklich für ihn, und wenn er wirklich so müde war, wie er sagte und aussah, wäre es in der Tat nicht sicher für uns gewesen, ihn höher auf den Berg mitzuziehen. Es würde uns nur in größere Schwierigkeiten bringen.

Norrona-Botschafter Robert Caspersen beim Mixed-Klettern in Patagonien

Über uns schien die Sonne aus einem klaren, blauen Himmel und spiegelte sich im tiefblauen Eis, hübsch verpackt in den Rissen von goldenem Granit - es sah so verlockend aus…aber es blieb uns nichts anderes übrig. Halbherzig setzte ich den ersten von ca. 30 Abseilhaken. Wir sprachen nicht viel; es gab nicht mehr viel zu sagen. Ich konzentrierte mich nur auf die Sicherungsketten und darauf, uns sicher nach unten zu bringen. Zwölf Stunden abseilen später waren wir wieder sicher auf dem Gletscher. Ich war enttäuscht, aber mir tat es auch leid für den Schweden - er war natürlich sehr enttäuscht über sich selbst und es tat ihm schrecklich leid, uns im Stich gelassen zu haben. Auf dem langen Heimweg versuchte ich, mich auf den Spaß, den wir beim Klettern gehabt hatten, bevor wir abbrechen mussten, und auf den Spruch, dass der Weg das Ziel ist, zu konzentrieren - aber es gelang mir nicht, mich zu überzeugen… Für mich ist der Weg das Wichtigste, aber zu den besten Reisen gehört auch der Gipfel.

Trotzdem waren es ein paar Tage in einer der schönsten Bergregionen, die ich mir vorstellen kann, es war ein gutes Training und eine wertvolle Erfahrung. Und es war viel besser, als in einer Jugendherberge mit zwei kranken Freunden festzusitzen.

Robert Caspersen - Patagonien

Das Klettern in Patagonien erinnert mich irgendwie an meine Erfahrungen mit dem Surfen. 10 Sekunden auf einer Welle zu reiten, rechtfertigt zwei Tage Herumpaddeln, bei denen man sich fast die Eier abfriert und beinahe ertrinkt. Auf seltsame Weise lohnt es sich. Ich denke, das gehört einfach zu unserer menschlichen Natur dazu: Wir sind angezogen von Herausforderungen, und je größer die Herausforderung, desto besser Gefühl, wenn man Erfolg hat. Patagonien - wir kommen wieder!

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