Trollveggen, Februar 1980

Die erste Winterbesteigung der großen schwedischen Route über die Trollveggen (die Trollwand) erfolgte durch drei junge Norweger im Februar 1980. Drei Jahrzehnte später hat noch immer niemand ihre Heldentat wiederholt.

„Es gab immer die Möglichkeit umzukehren“, erinnert sich der Kletterer Kjetil Svanemyr. Heute ist er 49 Jahre alt und hat seine Kletterschuhe und Seile zur Seite gelegt, um aktiver den Langstrecken-Hundeschlittenfahrten nachzugehen. Trotzdem sind seine Erinnerungen daran, dass er der Erste war, der die schwedische Route der Trollveggen hochkletterte, noch immer frisch. Es ist das Jahr 1980. Das Trio bestehend aus Svanemyr, seinem Freund Håvard Nesheim und der zukünftigen Kletterlegende Hans Christian Doseth traf an der finsteren Felswand von Trollveggen auf große Herausforderungen. „Die entscheidende Passage war eine schwierige Traverse 700 m den Pfad hinauf“, sagt Svanemyr. „Wir versuchten Eispickel um die Ecke zu werfen, wir hingen an zweifelhaften Skyhooks und wir unternahmen eine haarige Pendeltraverse auf schlechten Bolzen, aber nichts funktionierte. Wir fingen an zu verzweifeln. Beim Gedanken daran, uns 700 m runter über eine Reihe von überhängenden Wandabschnitten abseilen zu müssen, hatten wir das Gefühl, dass wir keine andere Wahl hatten, als nach oben zu gehen.“ Hans Christian ist der Anführer. Aber selbst er - ein starker und technisch versierter Kletterer - steckt fest. Die drei Kameraden haben jetzt schon viele Tage an der Wand verbracht. Es ist Februar, die Tage sind kurz, die Nächte lang und viele der Felsbänke sind nicht mal breit genug für den winzigen Hintern eines Kletterers. „Wir waren die Wand schon so weit hochgekommen, dass selbst eine einfache Rückkehr ein großes Unterfangen gewesen wäre. Bis zu dieser abschreckenden Traverse hatten wir ausgezeichnet klettern können, fast immer extrem exponiert und sehr technisch, unterstützt durch Strickleitern.“

Erste Besteigung der Trollveggen, „die schwedische Route“

Die drei Bergsteiger, die sich auf die schwedische Strecke wagen, sind alle jung. „Hans Christian und ich sind in Åndalsnes geboren und dort aufgewachsen“, sagt Kjetil Svanemyr. „Wir verbrachten viel Zeit damit, die Wand zu studieren, und lasen dramatische Geschichten über frühere Erstbesteigungen. Mit nur wenigen Jahren an Erfahrung im Allround-Klettern fühlten wir uns gut genug, um einen Versuch zu starten. Aber Winterklettern ist etwas ganz anderes als Klettern im Sommer. Im Laufe von zwei Wochen kann Westnorwegen vier Jahreszeiten durchlaufen. Mindestens.“ Er sagt: „Wir wussten bereits, dass wir hier etwas Wegweisendes taten, aber ich begriff erst später, dass wir dabei halfen, den Klettersport auf eine neue Ebene zu heben. Wir waren jung und unüberlegt und wir glaubten wirklich daran, dass wir das Zeug dazu hatten!“

Kjetil Svanemyr war 20. Ein Jahr zuvor, als er und seine Freunde zuerst die schwedische Route im Winter versuchten, verpasste der launische König Winter Norwegens ihnen eine kalte Dusche. Aber dieses Mal sind sie nicht zu stoppen. Vor allem Hans Christian hat sich zu einem zähen Kletterer großer Wände entwickelt, unter anderem dank der Tatsache, dass er den letzten Sommer im Yosemite National Park zugebracht hatte, wo er einige der schwierigsten Routen auf den El Capitan meisterte. Geistig ist Hans Christian seinen beiden Freunden einen Schritt voraus. „Wir wussten, Hans Christian war der Einzige, dem diese Traverse gelingen konnte“, sagt Kjetil. Und in der Tat, nach zahllosen Versuchen an einem langen schwierigen Tag, schafft Hans Christian ca. 30 m - gerade so die Länge eines Seils. Damit überwindet das Trio den kritischen Punkt. „Wir hatten ziemlich viel Schnee und Wind während dieser zwei Wochen. Wenn ständig Schnee die Wand herunter läuft, wird alles nass. Nachdem man den ganzen Tag so geklettert ist, ist es nicht einfach, 15 Stunden lang auf einem Schelf von 30 cm Breite gerade zu sitzen. Wenn es endlich Tag wird, ist man noch müder, als man es am Ende des vorherigen Tages gewesen war.“ Die 1000 m Höhe der Trollveggen werden langsam überwunden, Seillänge um Seillänge. Nach 13 Tagen an der Wand erreichen Kjetil, Hans Christian und Håvard den Gipfel.

„Auf dem Gipfel fließt du über vor Stolz und Freude“, sagt Kjetil Svanemyr. „Nach zwei intensiven Wochen fühlst du auch die einsetzende Müdigkeit. Die psychische Belastung bedeutet, dass man sich niemals entspannen kann. Unten im Tal wurden wir von Radioreportern und Zeitungsjournalisten empfangen. Für uns drei junge Bergsteiger war es seltsam, wie Helden empfangen zu werden.“ Diese erste Winterbesteigung der schwedischen Route gilt noch immer als „Meilenstein“ in der norwegischen Klettergeschichte. Der Hang der Trollveggen hat sich inzwischen verändert durch Erd- und Felsrutsche und niemand hat den Erfolg bisher wiederholt. Kjetil erinnert sich an das Abenteuer mit Stolz, aber auch Melancholie. Hans Christian Doseth war Kjetils Cousin. Im Jahr 1984 starben Doseth und Finn Dæhli beim Abseilen vom Trango Tower in Pakistan. „Ich würde sagen, dass war eines der Dinge, die mich dazu brachten, die Kletterei zurückzuschrauben“, sagt Kjetil mit einem Hauch Feierlichkeit. Doch dann hellt sich seine Miene auf. „Wenn einige relativ unerfahrene 19-Jährige heute sagen würden, dass sie eine ähnlich schwierige Herausforderung ebenfalls versuchen wollen, würde ich wahrscheinlich versuchen, sie zu warnen. Tatsache ist, wir waren gerade erst trocken hinter den Ohren.“

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