Trango

„Es fällt mir immer noch schwer, über Trango zu sprechen. Ich habe eine überraschend dünne Schale. Meine Gefühle liegen direkt unter der Oberfläche.“ Stein P. Aasheim, Trango Bergsteiger im Jahr 1984.

Trango Tower ist ein majestätischer Berg

„SCHAUEN SIE SICH DIESE LINIE AN.“ Hans Christian Doseth, ein 23-jähriger Bergsteiger aus Åndalsnes, steht im Hause von Stein P. Aasheim in Oslo. Es ist das Jahr 1982. An der Wand hängt ein Bild von einem riesigen Berg in Karakorum, Pakistan. Hans Christian fährt mit seinem Finger eine dünne, schwarze Linie auf der Oberseite des Berges entlang.
Er sieht eine Kletterroute.
Eine Route, die noch nie jemand versucht hat.
Der Traum vom Great Trango Tower ist geboren.

Ein extremes Leben führen

ZWEI JAHRE SPÄTER, im Juni 1984: Es ist an der Zeit, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Hans Christian hat nicht nur Stein engagiert, sondern auch seine Kletterkameraden Finn Dæhli und Dag Kolsrud. Zusammen bilden sie „die norwegische Trango-Expedition 1984“. Eine Reihe von Sponsoren haben sich beteiligt - einschließlich Norrøna Sport, Pakistan International Airlines und ein Tabakhersteller. Die vier Norweger, die jeweils 180 kg Gepäck tragen, nehmen Abschied von ihren Freunden und Freundinnen und besteigen ein Flugzeug nach Islamabad. Sie brechen auf zu einem Unterfangen, das die amerikanische Zeitschrift „Climbing“ später als eine der größten Bergsteiger-Heldentaten in der Geschichte bezeichnen wird. Die Männer bringen eine breite Palette an Erfahrungen mit - aus dem Himalaja, dem Trollveggen, Yosemite, Mount McKinley, der Nordwand des Eiger, dem Winterbergsteigen in Hurrungane und modernem Felsklettern in Südfrankreich. Sie haben einen außergewöhnliche Ehrgeiz. Und sie bringen das eine Bild von der Flanke des Berges mit. Kein anderes Bild ist zu finden. Der Berghang sieht so riesig, so steil, so beeindruckend aus.
Kann es wirklich so sein?
Es ist so.
Great Trango Tower steht und wartet.

Zimmer mit Aussicht. Hans Christian Doseth, Stein P. Asheim, Finn Dæhli und Dag Kolsrud auf der Trango-Expedition.

DIE GESCHICHTE IST ALLGEMEIN BEKANNT. Alle norwegischen Bergsteiger kennen sie auswendig. Hans Christian, Finn, Dag und Stein überwinden unglaubliche logistische Herausforderungen sowie dünne Luft, schlechtes Wetter und Kletterprobleme. Die Männer erklimmen nach und nach die Ostwand des Trango. Bald schon ist der Gipfel in Reichweite. Aber nach vier Wochen an der Flanke werden die Vorräte knapp. Nach einer sehr emotionalen Diskussion - in Portaledge-Zelten mehrere tausend Meter über dem Baltoro-Gletscher hängend - erklären Dag und Stein sich bereit, nach unten zu gehen. Angesichts der Menge an noch vorrätigem Essen ist das der einzige Weg, dass noch jemand von ihnen bis nach oben kommen kann. Hans Christian und Finn setzen ihren Aufstieg fort. Am 4. August 1984 beobachtet Stein seine beiden Freunde durchs Fernglas. Hans Christian und Finn stehen auf dem Gipfel des Trango. Auf dem Gipfel des internationalen Alpinismus. Die norwegische Trango-Expedition hat etwas erreicht, was niemand für möglich gehalten hätte. Die Teilnehmer haben eine der weltweit anspruchsvollsten Kletterrouten eröffnet.
Sie triumphieren.

Hans Christian Doseth, Stein P. Asheim, Finn Dæhli und Dag Kolsrud oben auf dem Trango.

Während des Abstiegs einige Tage später aber geht etwas schief. Hans Christian und Finn kommen ums Leben. Die gesamte norwegische Klettergemeinschaft steht unter Schock. Zwei der prominentesten Bergsteiger Norwegens sind nicht mehr da. Sicher zu Hause, aber noch unter dem frischen Eindruck der physischen und psychischen Belastungen der Reise, schreibt Stein das Buch „Trango - Triumph und Tragödie“. Es ist eine der stärksten Geschichten der Bergsteiger-Literatur. Eine Bibel für Generationen von norwegischen Bergsteigern. Eine ewige Quelle der Inspiration.

Hans Christian Doseth, Stein P. Asheim, Finn Dæhli und Dag Kolsrud auf der Trango-Expedition in Kleidung der trollveggen-Produktlinie von Norrona.

FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ist es nun her, dass die norwegische Route auf den Great Trango Tower eröffnet wurde. „Es ist unglaublich, dass ich Teil dieser Expedition war“, sagt Stein P. Aasheim. Bei einem Espresso in der Innenstadt von Oslo schweifen seine Gedanken zurück zum Jahr 1984. „Unglaublich, dass ich in dieser Wand hing. Es war ein irres Gefühl, etwas, das ich nie vorher und nie mehr danach gefühlt habe.“
„Was meinen Sie mit unglaublich?“
„Wenn ich über die internationalen Status der norwegischen Route lese, wenn ich etwas über den Status des Buches höre, wenn ich höre, wie Menschen über Hans Christian und Finn reden, dann denke ich, 'Wow, war ich da dabei?' Auf der einen Seite bin ich stolz darauf, beim Öffnen der norwegischen Route geholfen zu haben. Auf der anderen Seite wäre es mir viel lieber, wenn wir alle wieder nach Hause gekommen wären, als dass heute eine 'norwegische Route' auf dem Trango existiert. Aber mein Leben wäre heute ganz anders, wenn es so wäre. Ich würde eine andere Familie haben. Meine Kinder würden nicht existieren. Ich werde verrückt, wenn ich nur daran denke.“

Norrøna trollveggen Jacke wird unter den extremen Bedingungen am Trango auf die Probe gestellt

Im Jahr 1984 heirateten Hans Christian Doseth und die bekannte Kletterin
Ragnhild Amundsen. Anderthalb Jahre nach dem Unfall am Trango wurden Stein und Ragnhild
ein Paar. „Es ist nicht leicht, dies in Worte zu fassen“, sagt Stein. „Trango war ein überwältigendes Erlebnis. Die Reise hatte tiefe und nachhaltige Konsequenzen für mein Leben.“ „Würden Sie sich wünschen, dass die Leute aufhören, Sie nach Trango zu fragen?“
„Nein. Es war ein historisches Ereignis im norwegischen Bergsteigen. Es ist nicht so, dass ich nicht möchte, dass die Leute darüber sprechen. Ich denke, ich kann die Reden, die ich über diese Reise gegeben habe, an einer Hand abzählen. Aber in letzter Zeit frage ich mich, ob es nicht Zeit ist, all das hinter sich zu lassen. Es ist schließlich schon 25 Jahre her. Ich versuche nun über Trango in einigen der Vorträge, die ich halte, zu diskutieren.“
„Was sagen Sie?“
„Ich erzähle meine Version der Expedition. Viele Leute haben das Buch gelesen, aber natürlich ist es spannend, aus erster Hand etwas darüber zu erfahren. Ich rede auch darüber, was wir Sportkletterer wirklich suchen. Wenn Sie auf das 60. Lebensjahr zugehen, denken Sie natürlich anders über das Leben nach als zu der Zeit, als Sie jung und unsterblich waren. 1984 habe ich gesagt, 'Ich klettere nicht wegen der Gefahr, sondern trotzdem.' Das hat sich geändert. Heute sage ich es, wie es ist: 'Ich klettere, weil es gefährlich ist.' Im Sommer 2008 wurde mir das sehr klar.“
„Was war passiert?“
„Ich erklomm den Trollryggen mit Ralph Høibakk (71) und Odd Eliassen (64). Ralph wollte feiern, dass 50 Jahre vergangen waren, seit er und Arne Randers Heen die erste Besteigung des Gipfels geschafft hatten. Zuerst hatten wir gehofft, dass der talentierte junge Kletterer Bjarte Bø uns begleiten würde. Aber dann stellte sich heraus, dass er nicht dabei sein konnte und wir haben uns gesagt: 'Was soll's!' und haben weitergemacht. Drei alte Männer an einer riesigen Wand. Für uns war es eine harte Kletterei. Uns war angst und bange dort oben. Und als wir dann endlich auf dem Gipfel ankamen, standen wir einfach nur da, drei alte Männer und wir weinten.“
„Sie weinten?“
„Oh, ja. Und ich habe viel über diese Tränen nachgedacht. Es war so eine starke Erfahrung. Selten habe ich so klar empfunden, was es heißt, am Leben zu sein. Ich dachte, das muss es sein, worum es hier wirklich geht. Das war der Lohn für den Mut und für den Erfolg bei einer Sache, die so nah an die Grenzen unserer Möglichkeiten geht. Und dann, nur zwei Tage später, drehte sich alles um. Mitten in der Nacht läutete das Telefon und ich erfuhr, dass Rolf Bae am K2 vermisst wurde.“

Die Legenden Hans Christian Doseth, Stein P. Asheim, Finn Dæhli und Dag Kolsrud erklimmen den Trango.

NUR WENIGE MONATE vor dem Unfall am K2 war Rolf Bae (33) Teil eines norwegischen Kletterteams gewesen, das den Aufstieg auf den Great Trango Tower über die norwegische Route wiederholt hatte. Rolf hatte mit Stein viel über diese Reise gesprochen. Er sagte Stein, dass sein Buch über den Trango der Grund dafür gewesen war, dass er begonnen hatte zu klettern. Im Laufe der Zeit hatten die beiden sich gut kennen gelernt. Sie respektierten sich gegenseitig. Sie hatten begonnen, eine gemeinsame Expedition in die Antarktis zu planen. „Es war nicht nachvollziehbar, dass Rolf am K2 verschwinden konnte. Plötzlich erschien der Aufstieg absurd.“
„Was meinen Sie damit?“
„All diese schöne Gedanken über das Klettern, all die großen Worte darüber, was uns das Klettern gibt - all das geschieht immer in der Annahme, dass man lebendig wieder runter kommt. Falls nicht, hat der Aufstieg absolut keine Bedeutung.“ „Viele Bergsteiger rechtfertigen das Risiko, indem sie sagen: 'Autofahren ist auch gefährlich.'“ „Ich kann das nicht nachvollziehen. Der Vergleich ist irrelevant. Einer der Gründe für das Klettern ist die Tatsache, dass es gefährlich ist - die Befriedigung darüber, dass man Bedingungen gemeistert und überwunden hat, bei denen ein Misserfolg tödlich wäre. Die Neugier, die physischen Herausforderungen, die Nähe des Todes - sie alle sind wichtig. An einer Autofahrt ist nichts aufregend. Aber nach einem großen Aufstieg ist das Glücksgefühl geradezu berauschend.“
„Sind sie süchtig nach diesem Gefühl?“
„Das ist eine gute Frage. Ich bin irgendwie süchtig nach der Belohnung des Kletterns. Dem Preis. Vielleicht bin ich abhängig von Grenzerfahrungen, die die meisten Menschen in ihrem Leben niemals auch nur annähernd erfahren. Viele Leute fragen, welchen Sinn das Klettern hat, wenn die Risiken so klar auf der Hand liegen. Aber ich akzeptiere diese Frage nicht mehr. Was sie wirklich fragen ist: 'Können Sie mir den Sinn des Lebens erklären?' Nun, was in aller Welt soll ich darauf antworten? Niemand fragt Menschen, die leben wie alle anderen auch, warum sie so leben wie alle anderen auch. Sobald Sie aus der Reihe tanzen, werden Sie an die Wand gestellt und Sie müssen Ihre Lebensweise rechtfertigen. Sie müssen unmögliche Fragen beantworten.“

Die außergewöhnliche Trango-Expedition mit: Hans Christian Doseth, Stein P. Asheim, Finn Dæhli und Dag Kolsrud.

„HAT TRANGO IHRE Beziehung zum Klettern verändert?“ „Nein, ich bin weiter geklettert. Nur ein Jahr später, im Jahr 1985, war ich auf dem Everest. Ich habe mich nicht wirklich geändert, bis ich Kinder hatte. Von da an habe ich den Hochhimalaja vermieden. Ich erinnere mich daran, dass ich vor meiner Reise 1995 nach Drang Rag Ri im Himalaja-Gebirge meiner Familie Lebewohl sagte. Meine Tochter klammerte sich auf den Stufen an mich und schrie: „Ich möchte nicht, dass du auf dem Berg stirbst, Papa.“ Das traf mich hart. So hart, dass ich fast nicht über das Thema reden kann. In dem Moment wurde mir klar, was es bedeutet, ein Vater sein. Für mich war das das Ende des Kletterns auf die hohen Berge im Himalaja.“

    Norrøna Magazine