Norrøna

Røldal – o – Rama

Die Geschichte eines kleinen norwegischen Dorfes, das zur Hauptstadt des Freeriding wurde.

„Fahrer 18 bereit in 30 Sekunden!“ Ein Funkgerät knistert in einem großen schwarzen Zelt auf einer verschneiten Bergflanke irgendwo in Westnorwegen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Um das Zelt herum sitzen einige hundert Zuschauer und starren auf den gegenüberliegenden Berg. Ganz weit drüben, wie es aussieht oben
auf einem Felsen, können wir gerade eben so eine Person ausmachen. Durch ein Fernglas sehen wir, dass es sich um einen Snowboarder handelt.

Freeride World Tour-Crew nimmt den Berg in Augenschein.

„15 Sekunden.“
Pause.
„5 Sekunden.“
Pause.
„Fahrer unterwegs!“

Dies ist die Geschichte einer winzigkleinen Ansiedlung in Westnorwegen, die außerhalb Norwegens bis vor kurzem
völlig unbekannt war. In den letzten Jahren hat sie sich jedoch zu einem Zentrum für bahnbrechendes Freeriding auf Skiern und Snowboards entwickelt. Was waren die Faktoren für diesen unglaublichen Werdegang? Die Frage ist leicht zu beantworten:

1. Schnee.
2. Schnee.
3. Und nicht zuletzt einige sehr innovative Enthusiasten.

David Underland in røldal Jacke und Hose bei der Freeride World Tour 2012

Beginnen wir mit dem Schnee. Die Røldaler Lokalgeschichte von 1960 widmet der Tiefe des Schnees in Røldal ein ganzes Kapitel. Besonders eingehend werden die furchtbaren Lawinen beschrieben, die im Laufe der Zeit in der Gegend abgegangen sind. Das Kapitel beginnt folgendermaßen: „Der Winter 1906 war sehr schneereich. Eine Lawine ging von Midnuten ab und brachte so viel Schnee mit sich, dass sie Skorane unter sich begrub und das Haus und den Stall des Ripleflåt-Hofes wegwischte.“ Vier Menschen kamen ums Leben.“ Weiter hinten im Buch ist zu lesen: „Bei der Lawine in Ekkjejuvet von 1816 wurden vier Menschen getötet.“ Und dann: „1855 starben Tore Monsson Bratteteig und Sjur Ljomanes in einem Schneebrett bei Maurlid zwischen Odland und Botnen. Beide wurden tot aufgefunden,
und Sjur lag nackt im Schnee. Die Lawine hatte seine Kleider heruntergerissen.“ Das ist nicht das Ende. Das Buch zählt noch viele weitere Lawinenunglücke und Winter mit extremen Schneefällen auf. Es steht ganz außer Frage, dass es nicht einfach ist, im schneereichen Røldal zu leben.

Alljährlicher Freeride-Wettbewerb in Roldal, Norwegen

„Die Menschen hier sind ganz unverfälscht“, sagt Pelle Gangeskar. „Wirkliche Originale.“
Der 36-jährige Marketingleiter des Ski-Ressort Røldal steht vor seinem Haus am Røldal-See und blickt zu den Bergen rund um das Dorf empor. Er kann problemlos als innovativer Enthusiast beschreiben werden. In vielerlei Hinsicht ist Gangeskar heute „Mr. Røldal“. Am 20. Mai 1995 kam er zum ersten Mal in das Dorf. Gangeskar erinnert sich an diesen Tag, als ob es gestern gewesen wäre. Er hatte im Teletext des norwegischen Fernsehsenders NRK-TV gelesen, dass das Skigebiet noch geöffnet sei und es immer noch drei Meter Schnee gebe … und das Ende Mai, wohlgemerkt. Er glaubte es einfach nicht. Aber nach einer langen Anfahrt aus dem Südosten Norwegens stand er unten an der Skipiste und stellte fest, dass ein weiterer halber Meter Pulverschnee hinzugekommen war. Gangeskar fuhr mit dem Skilift nach oben und genoss die Abfahrt seines Lebens. Hinterher wurde er von Familie Bratteteig, die das Skizentrum betrieb, zum Kaffee eingeladen. Sie waren neugierig auf diesen Reisenden aus weit entfernten Landen. Gangeskar hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen. „Røldal hat ein ganz besonderes Flair. Dieses Dorf war seit Jahrhunderten für den Großteil des Jahres durch den Schnee von der Außenwelt abgeschnitten. Die Einwohner haben sich ihr Leben eingerichtet – mit knappen Ressourcen, Subsistenzwirtschaft und Jagd – und dabei sehr gute menschliche Eigenschaften entwickelt. Das Gemeinschaftsgefühl der Menschen in Røldal ist stark, und sie arbeiten freiwillig alle zusammen. Die 500 Menschen, die hier leben, helfen einander. Jeder kennt jeden. Und das Terrain und das Wetter sind ein Geschenk des Himmels für Skifahrer und Snowboarder.“

David Under ganz in Rot. Mit Norrona-Jacke und -Hose aus der Røldal-Kollektion

Das Skigebiet, das Gangeskar1995 besuchte, war 1977 eröffnet worden. Ein geschäftstüchtiges Brüderpaar, Jan und
Rolf Bøen, gingen das Projekt zusammen mit ihrem Freund Lavrans Fossaaen an. Sie entschieden, im Bereich Håradalen gleich oberhalb von Røldalsbygda ein Skigebiet aufzubauen – unzweifelhaft eine gute Wahl für Abfahrten und Skifahren abseits der Pisten. Das Gebiet wurde zu einem späteren Zeitpunkt von Familie Bratteteig übernommen. Jahrelang zogen die enormen Schneemengen die Menschen aus dem eigenen Dorf, der Region Odda ringsum und der zwei Autostunden entfernten Küstenstadt Haugesund an. Aber das Skigebiet war keineswegs bekannt. Und Familie Bratteteig hatte nicht die geringste Vorahnung, was die Kaffeeeinladung an den jungen Gangeskar nach sich ziehen würde.
„Seinerzeit reiste ich sehr viel zum Skifahren“, erinnert sich Gangeskar. „1996 nahm ich an der Nordischen Freeride-
Meisterschaft im (schwedischen Skigebiet) Riksgränsen teil. Mir wurde klar, dass die Hänge in Røldal für diese Art Skifahren viel besser geeignet waren als die Berge in Riksgränsen. Dies war der Anfang meines Traums, einen Freeride-Wettbewerb in Røldal zu organisieren.“
Der Traum ruhte einige Jahre, bis Gangeskar und seine Freundin Bettina Gavoll-Hansen
2001 beschlossen, ernst zu machen. Sie verpflichteten ein paar andere unbekümmerte Menschen, eine Handvoll Sponsoren und natürlich das Ski-Ressort Røldal selbst. Die allererste Røldal Freeride Challenge erblickte das Licht der Welt.
„Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen ersten Wettbewerb“, erzählt Gangeskar. „Der schwedische Freerider Fredrik Ericsson sprang auf halbem Wege nach unten von einem Felsen, fiel und blieb einfach liegen. Wir hatten die Möglichkeit, dass sich jemand dort oben verletzen könnte, überhaupt nicht bedacht. Wir wussten nicht, wie wir ihn zu Tal bringen sollten. Diese Sekunden, in denen wir uns fragten, was wir da eigentlich angefangen hatten, fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Aber dann stand Fredrik auf und fuhr aus eigener Kraft nach unten, glücklicherweise.“ Während der anschließenden Siegerehrung war die Stimmung ausgelassen. Teilnehmer, die 12 oder 13 Stunden mit dem Auto angereist waren, sprachen bereits vom nächsten Jahr und wie sehr sie sich auf die nächste Røldal Freeride Challenge freuten. Gangeskar und Gavoll-Hansen wurde klar, dass sie den perfekten Ort für Skifahrer gefunden hatten.

Sechs Jahre und sechs erfolgreiche Røldal Freeride Challenges später machte Gangeskar ernst und zog mit seiner Frau Tonje und den Kindern nach Røldal. Kaum angekommen, machte er schon
große Pläne für seine neue Heimat. „Die Røldal Freeride Challenge wurde 2008 Qualifizierungswettbewerb für die Freeride World Tour, also den Weltcup des Sports. Immer mehr Menschen aus aller Welt
kamen, und der Ort wurde bekannter. Und ich dachte mir: Könnten wir nicht auch einen Wettbewerb der Freeride World Tour ausrichten?“ berichtet Gangeskar.

Hochgebirgsgefühl und großartiger Blick auf den See beim Skifahren in Røldal

Der Winter 2011/12 begann in Røldal wie immer: Starke Schneefälle setzten früh ein. Mitte Dezember 2011 lagen im Ski-Ressort Røldal bereits zwei Meter Schnee, mehr als in jedem anderen Skigebiet der Welt zu diesem Zeitpunkt. Und es schneite, schneite und schneite immer weiter. Ende Februar kam mitten in einem Schneesturm ein riesiger Sattelschlepper in Røldal an. Das Logo auf den Seitenwänden des LKWs ließ keinen Zweifel über den Eigentümer aufkommen: Die Freeride World Tour. Gangeskar, inzwischen Marketingleiter genau des Skigebiets, von dem er 17 Jahre früher zum ersten Mal gehört hatte, konnte sich endlich hinstellen und zusehen, wie die Weltelite des Freeriding den kleinen Ort übernahm. „Es hat gedauert“, meint Gangeskar. „Aber wir haben es geschafft. Dank der grenzenlosen Geduld meiner Frau Tonje und ihrer nie erlahmenden Kraft. Und auch dank vieler anderer engagierter Menschen, der Kommune Odda und Norrøna.“

Zurück zu dem Snowboarder am Rande des Abgrunds. Wir schreiben den 26. Februar 2012, ein Wettbewerbstag der Freeride World Tour. Das Ski-Ressort Røldal platzt mit den weltbesten Skifahrern und Snowboardern sowie einem höchst interessierten Publikum aus allen Nähten. Ein Hubschrauber fliegt über die Köpfe. Die Luft knistert erwartungsvoll. Ganz dort oben hört Norrøna-Botschafter David Underland mit einer Startnummer auf der Brust den Countdown. Underland hat die Røldal Freeride Challenge unglaubliche fünf Mal gewonnen. Nun gibt er alles bei diesem Wettbewerb der Freeride World Tour auf seinem Heimathang. Alle richten ihre Ferngläser auf ihn und beobachten, wie Underland, wie immer beeindruckend, eine anspruchsvolle Linie mit mehreren tiefen Sprüngen fährt. Nach seiner sicheren Ankunft im Tal ist er nicht ganz zufrieden mit seiner Leistung.
„Ich habe das Gefühl, dass es diesmal nicht so gut gelaufen ist“, sagt Underland. „Aber ich wollte nicht auf Nummer sicher gehen. Ich wollte mich noch ein wenig mehr fordern, jetzt, da die Freeride World Tour bei mir zu Hause ist. Das Niveau in diesem Wettbewerb ist so hoch, dass man immer ganz bis an die Grenze gehen muss.“
Underland hat schon mehrfach an Wettbewerben des Freeride World Cup teilgenommen und findet es positiv, dass die Veranstaltung nach Røldal gekommen ist.
„Dieser Ort und dieser Wettbewerb halten jedem Vergleich mit jedem Veranstaltungsort der Freeride World Tour stand. Røldal muss sich hinter keinem anderen Skigebiet verstecken. Wir Athleten können sehen, dass Pelle (Gangeskar) und die anderen echte Profis sind und jede Menge Erfahrung haben. Und es ist schön, Røldal von seiner besten Seite präsentieren zu können. Wir haben hier nicht nur einen großen Haufen Schnee. Wir haben hier ein großartiges Skigebiet mit erreichbaren und coolen Skimöglichkeiten. Wenn man ein paar Schritte zu Fuß nicht scheut, kann man so steil abfahren, wie man nur möchte“, sagt Underland.

Inzwischen ist es Mai 2012. Der Freeride World Tour-Zirkus hat Røldal schon lange verlassen und ist zu anderen
und wesentlich größeren Skigebieten weitergezogen. Aber obwohl der Sommer langsam näher rückt, kehrt noch keine Ruhe ein im Ski-Ressort Røldal. Es liegt immer noch jede Menge Schnee. Nun wird der Skibetrieb aufrecht erhalten für Weltmeister und Olympiasieger Aksel Lund Svindal und die anderen Fahrer des norwegischen Ski Alpin-Teams. Gangeskar selbst nutzt das wunderschöne Wetter, um in der Umgebung Touren zu gehen. Für Gangeskar ist noch nicht klar, was als Nächstes geschehen wird oder ob weitere Veranstaltungen im Rahmen der Freeride World Tour in Røldal stattfinden werden. „Ich weiß es nicht“, sagt Gangeskar. „Es war eine wirklich gute Erfahrung. Es hat Spaß gemacht, die Berge, den Schnee und eine Weltklasseveranstaltung zu präsentieren. Gut möglich, dass wir das noch einmal machen. Aber die Austragung eines Freeride World Tour-Wettbewerbs kostet 3 Millionen Kronen. Während der Osterpause haben wir eine norwegische Freeriding-Juniorenmeisterschaft in Røldal abgehalten. Kinder ab einem Alter von neun Jahren nahmen teil, und das gesamte Budget bestand aus zwei Packungen Batterien, die vom lokalen Lebensmittelgeschäft gestiftet wurden. Und
dennoch hat die Veranstaltung viel mehr Spaß gemacht als die Freeride World Tour, muss ich gestehen.“

FaktenWillkommen in Røldal
Allgemeines Røldal Skisenter verfügt über fünf Schlepplifte, einen Sessellift und 12 präparierte Pisten. Aber Røldal ist in erster Linie für seine unglaublichen Schneemassen bekannt, die praktisch uneingeschränktes Skivergnügen abseits der Pisten ermöglichen! Die Basisstation liegt in 800 m Höhe, während der höchste Lift die Skifahrer bis auf 1.300 m bringt. Die Saison dauert im Allgemeinen von Ende November/Anfang Dezember bis zum zweiten Wochenende im Mai. In diesem Zeitraum fallen insgesamt rund 11 m Neuschnee. Wirklich wahr!
Anreise Fahren Sie mit dem Auto oder Bus von Oslo, Bergen, Stavanger oder Haugesund. Wenn Sie eine
weite Anreise haben, ist es am einfachsten, in eine der drei letztgenannten Städte zu fliegen und von dort einen Mietwagen zu nehmen.
Unterkunft Røldal hat seine Beherbergungskapazitäten in den letzten Jahren deutlich ausgebaut; dennoch ist es empfehlenswert,
rechtzeitig zu reservieren. Inzwischen stehen unterschiedlichste Unterkunftsmöglichkeiten zur Verfügung, von alten Campinghütten bis hin zu nagelneuen Apartments. Einen Überblick über die Auswahl finden Sie unter www.roldal.com
Røldal Freeride Challenge Seit 2001 organisieren Bettina Gavoll-Hansen und Pelle Gangeskar den wichtigsten Freeride-Wettbewerb Norwegens. Alljährlich messen sich die besten norwegischen Freerider und eine Reihe internationaler Stars an den verschneiten Steilhängen von Røldal. Stellen auch Sie sich dieser Herausforderung!
Weitere Informationen
www.roldal.com
www.roldalfreeride.no

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