Porträt: Der Kletterer

Magnus Midtbø ist einer der weltbesten Kletterer. Und er ist einer der neuesten Botschafter von Norrøna.

Magnus' berühmte Klimmzüge an einem Finger.

Es ist ungefähr 2 Uhr nachts. Hoch oben in den Schweizer Alpen fährt ein weißer Ford Connect-Minivan zügig auf den kurvigen Straßen. Hinter dem Steuer sitzt ein rothaariger Norweger mit bemerkenswert ausgeprägten Bizepsen und Trizepsen. Er ist schon lange unterwegs. In vielerlei Hinsicht befindet er sich auf einer niemals endenden Reise, die in seinen Teenagerjahren begann. Fast immer allein. Fast immer mit Heavy Metal oder Hardrock im Ohr. Plötzlich bemerkt er hinter sich ein Polizeiauto mit heulender Sirene. Und das ist nicht alles. Ein weiteres Polizeiauto kommt mit Blaulicht direkt auf ihn zu. Die Polizeiautos kommen vor und hinter ihm rutschend zum Stehen und versperren dem Minivan im Tunnel den Weg. Der junge Norweger ist plötzlich von Uniformierten umgeben. Sie richten ihre Pistolen auf ihn.

Aber Moment: Gehen wir zurück ins Jahr 1992. Im Haus der Familie Midtbø in Bergen steht der vierjährige Magnus vor einem fünf Meter hohen Pfeiler und sieht hinauf. Seine Eltern wissen schon lange, dass ihr Kleiner ein aktives Kerlchen ist, das
rennt, hüpft, Fußball spielt, die Treppen hinunterfällt und, nicht zuletzt, klettert. Klein-Magnus beginnt, an dem Pfeiler emporzuklettern: zwei Meter über dem Boden, drei Meter, vier Meter, fünf Meter.
„Wenn du jetzt runterfällst, tust du dir weh“, sagt sein Vater. Dem kleinen Jungen ist das egal. Er hat alles im Griff. Und seine Eltern befehlen ihm nicht, herunterzukommen. Er besieht sich eine Weile die Aussicht und klettert dann ruhig wieder hinunter.
„Klettern ist mein Leben“, sagt Magnus Midtbø, mittlerweile 24 Jahre alt. Er sagt das gleich zu Beginn und ohne zu zögern, als er sich im Café von Norwegens größtem Kletterzentrum Klatreverket in Oslo zurücklehnt. Mit seinen gechalkten Fingern hält er eine kleine Kaffeetasse. Im vergangenen Jahr hat er an Bekanntheit gewonnen, besonders nachdem der norwegische öffentlich-rechtliche Sender
NRK einen einstündigen Dokumentarfilm über ihn gedreht hat. Eine Szene, in der Midtbø eine Reihe von Klimmzügen an einem Finger vollführt, wird rasch über eine Million Mal auf YouTube angesehen.
Also, wann hast du zu klettern begonnen?
„Natürlich stelle ich mir gerne vor, dass ich mein Leben lang geklettert habe. Aber ich war zum ersten Mal mit elf Jahren an einer Kletterwand. Meine Eltern sind mit mir in die Kletterhalle von Bergen gegangen, die ganz in unserer Nähe lag. Das war vielleicht der großartigste Tag meines Lebens. Ich wusste sofort, dass Klettern etwas ganz anderes war als Tennis oder Fußball. Es ist etwas ganz Eigenes, eine unglaubliche Freude an der Bewegung, ein ganz besonderes Gefühl. In den ersten sechs Monaten hatten ein Freund und ich genügend Geld, um eine Stunde pro Woche mit einem Lehrer zu klettern. Das war eine wirklich geheiligte Stunde. Nach den ersten sechs Monaten durfte ich so viel klettern, wie ich wollte. Ich bin mehr oder weniger in die Kletterhalle eingezogen. Ich habe meine Hausaufgaben dort gemacht, dort gegessen und dort trainiert“, erinnert sich Midtbø.

Midtbø kletterte ununterbrochen. Er wurde rasch gut.
Sehr gut sogar.
„Nach einem Jahr kletterte ich einen Schwierigkeitsgrad 7b+. Nach zwei Jahren kletterte ich einen 8a und schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft“, erzählt er.
Und das war noch nicht das Ende. Im Alter von 14 Jahren begannen seine Reisen in alle Welt, um an Weltcup-Wettbewerben teilzunehmen und sich an schwierigen Felsen zu versuchen. Mit 16 gewann er die Weltmeisterschaft der Junioren.

Wie hast du es geschafft, so gut zu werden?
Midtbø denkt kurz nach. Er antwortet nicht sofort. „Es war in gewisser Weise mein Ding. Meine Eltern waren keine Kletterer. Sie haben mich nie angetrieben, besser zu werden. Ich habe mich selbst angetrieben. Und ich habe beschlossen, diese Sache durchzuziehen“, erklärt er. „Als ich zur Nationalmannschaft kam, lag dort vieles im Argen. Sie hatten ein 10-Jahres-Programm entwickelt. Sie sagten zu mir: ‚Du kannst entweder jetzt ein bisschen gut sein oder richtig gut in zehn Jahren.‘ Das hört sich für einen ungeduldigen Zwölfjährigen nicht besonders gut an. Ich sah mir also stattdessen die Trainingsmethoden der Weltbesten an und entzauberte die Trainingsstrategie der Nationalmannschaft. Die Besten hatten überhaupt nicht vor, sonderlich viel zu trainieren. Die Besten gaben immer alles auf allen Routen, jedes Mal und das ganze Jahr über. Die Besten entscheiden sich für Qualität
und gegen Quantität. Mit 14 Jahren fragte ich den für die Provinz Hordaland Zuständigen bei Olympiatoppen (dem Norwegischen Olympischen Komitee zur Förderung des Spitzensports), was er von der Trainingsstrategie der Nationalmannschaft der Kletterer halte. Er war überhaupt nicht einverstanden. ‚Du musst das tun, was du gerne tust, um gut darin zu werden. Wenn du ein guter 1000-Meter-Läufer sein willst, musst du die 1000 Meter laufen‘, sagte er. Er dachte genau wie ich“, erinnert sich Midtbø.
Wie schätzt du das Niveau des Klettersports in Norwegen ein?
„Es ist niedrig. Es ist viel zu leicht, im nationalen Vergleich auf ein hohes Niveau zu gelangen. Und für die meisten ist es bequem, einfach hier unter den Besten Norwegens zu bleiben.
Aber das internationale Top-Niveau ist meilenweit vom norwegischen Top-Niveau entfernt. In Norwegen geht es viel zu familiär und gemütlich zu, und es herrscht eine „Dabeisein ist alles“-Mentalität. Wir müssen die Methoden unserer Talentsuche verbessern. Es sind nicht unbedingt diejenigen, die mit 13 gut klettern, die auch die größte Begeisterung für ihren Sport aufbringen, diesen nie versiegenden inneren Antrieb“, meint Midtbø.
Könntest du dir vorstellen, selbst als Trainer zu arbeiten?
„Ja, vielleicht“, sagt er. „Aber andererseits müsste der- oder diejenige, die ich trainiere, wirklich sehr, sehr motiviert sein. Meiner Einschätzung nach gibt es aktuell in Norwegen keine Kletterer, die so viel Motivation mitbringen. Wenn man im Klettern gut werden will, braucht man eiserne Disziplin wie die Kletterer aus China oder Osteuropa.“

Céüse, Fontainebleau, Siurana, Santa Linya, Cote d’Azur, Trøndelag, Rodellar. Midtbø bereist die Welt bereits seit über einem Jahrzehnt. Er hat schon Nächte auf dem Bahnhof verbracht. Er hat in Höhlen übernachtet. Er hat zahllose Länder, Städte, Kletterzentren und Felswände kennengelernt. Mit den großen Kletteridolen seiner Kindheit ist er nun persönlich befreundet.
Was macht die weltbesten Kletterer aus?
„Ein riesiges Ego“, sagt er.
Weshalb?
„Sie haben jede Menge Selbstvertrauen. Der Schwierigkeitsgrad einzelner Routen jagt ihnen keinen Respekt ein. Sie tun es einfach.“
Hast du jede Menge Selbstvertrauen?
„Nein.“
Du machst wohl Witze?
„Ich hätte gerne mehr Selbstvertrauen. Ich muss gewissermaßen das bisschen Selbstvertrauen, das ich habe, immer strecken. Aber ich arbeite daran.“

Magnus Midtbo bei der Arbeit an der Neanderthal-Route in Spanien.

Midtbø schafft es ins Finale der meisten Weltcup-Wettbewerbe, bei denen er antritt. Daneben klettert er die schwierigsten Routen der Welt. Seine härteste Tour bislang war „Ali Hulk“ (9b) in Spanien. Nun träumt er von einer weiteren Monster-Route, ebenfalls in Spanien: „Neanderthal“ (9b). „Nur ein Mensch hat sie vor mir geschafft, und das war Chris Sharma. Er ist
vermutlich der beste Kletterer aller Zeiten. Er hat mehrere Jahre lang an dieser Route gearbeitet – wenn ich sie also einfach so aus dem Stand schaffen würde, wäre das fast ein wenig unhöflich“, sagt Midtbø.
Wie bereitest du dich auf solch eine Route vor?
„Wenn ich an die ‚Neanderthal‘ denke, entwickle ich sofort ADHS. Ich kann abends vor dem Fernseher sitzen und mich trotzdem nicht im geringsten an das Ende des Films erinnern, weil ich die ganze Zeit an den nächsten Zug in der Route denke, wo die Kristalle aus der Wand ragen und solche Sachen. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Alles muss genau
passen. Das Wetter. Die Temperatur. Ich muss einen guten Tag haben. Und ich kann nicht dann erst anfangen,
darüber nachzudenken. Es muss Routine sein, reiner Instinkt.
Sobald du anfängst, über sie nachzudenken, wirft die Route dich ab.“
Macht dich der Gedanke, dass Chris Sharma als Einziger vor dir diese Route geschafft hat, denn nicht nervös?
„Ich darf mich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich muss mir einfach sagen, dass ich besser bin als er und dass er langsam alt wird. He-he. Ich sage das natürlich nicht laut, aber ich muss so denken.“
Wäre es einfacher, wenn du die Teilnahme an Wettbewerben lassen und dich darauf konzentrieren würdest, die schwierigsten Routen der Welt zu durchsteigen?
„Ja, aber bevor ich mit Wettbewerben aufhöre, möchte ich unbedingt beweisen, dass ich eine Weltcup-Veranstaltung gewinnen kann. Ich bin schon jetzt ein wenig
anders, weil ich als Einziger an Wettbewerben teilnehme und 9b gleichzeitig auch schon am Fels gemacht habe. Die anderen Weltcup-Teilnehmer klettern nur auf Plastik. Ich kann das so nicht. Ich muss sowohl in der Halle als auch am Fels klettern, um weiterhin motiviert zu bleiben.“

 Midtbø am Fels

In einigen Jahren möchte Midtbø seine außerordentlichen Kletterqualitäten im Hochgebirge unter Beweis stellen. Er denkt langsam über die großen Wände nach.
„Wenn ich den richtigen Partner und das richtige Projekt finde, bin ich bereit“, sagt er.
Wovon träumst du?
„Ich möchte den Trango klettern. Diese große Wand ist eine richtige Versuchung. Aber mir reicht es einfach nicht, irgendeine Kletterroute in irgendeiner großen Wand zu machen. Ich muss die Grenzen neu ausloten. Ich möchte etwas Bahnbrechendes auf Weltniveau schaffen.“
Andere Pläne?
„Ja. Wir dürfen nicht daneben stehen und zulassen, dass nur Ausländer die schwierigen großen Wände in Norwegen klettern. Wir müssen unsere Ehre am Blåmannen in Troms und anderswo wiederherstellen.“

Midtbø wurde im Januar 2013 Norrøna-Botschafter. Was möchtest du zu Norrøna beitragen?
„Ich finde es gut, dass Norrøna ein norwegisches Unternehmen ist. Es hilft allen in der norwegischen Kletterszene, norwegische Akteure zu unterstützen. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass beim Bau von Kletterwänden in Norwegen nur norwegische Lieferanten zum Zug kämen. Auf diese Weise würde
hier in Norwegen mehr Erfahrung gesammelt, was wiederum den Klettersport stärken würde. Bei Norrøna möchte ich helfen, neue Produkte für Kletterer zu entwickeln. Und natürlich möchte ich auf die Marke aufmerksam machen.“

Zurück in die Schweizer Alpen, wo die zwei Polizeiwägen Midtbø im Tunnel aufgehalten haben. Der Polizei war der verdächtige weiße Van mit den grünen norwegischen Nummernschildern auf ihren Überwachungskameras aufgefallen, und sie machten sich an die Verfolgung. Bewaffnete Polizisten durchwühlen nun das Fahrzeug.
„Sie dachten vermutlich, ich wäre bis unters Dach mit Drogen oder anderer Schmuggelware beladen“, erzählt Midtbø. „Aber nach einer Weile sind sie draufgekommen.“ „Außer einer Matratze, einem Klettergurt und einem Kletterseil haben sie nichts in meinem Auto gefunden“, erzählt Midtbø und lächelt. „Ansonsten brauche ich nichts.“

falketind

Norrøna Magazine