Lyngen - Das weiße Hotel

Als Touringziel ist Lyngen in Norwegen schon lange bekannt. Schwierig ist es allerdings, auf eine gute Big Mountain-Abfahrt zu kommen.

Die klassischen Touren in Lyngen führen auf die malerischen, sanften Hügel, die sich direkt aus dem Meer erheben. Die Juwelen dagegen liegen direkt dahinter versteckt. Wie massive Stadtmauern liegen Bergwände wie in Alaska um Gletscherplateaus, die, kombiniert mit einer Höhe ab 1000 m über dem Meer, den Schnee ein paar Grade kälter halten als in der Umgebung, während die Bergwände vor Wind schützen. So bleiben die steilen, technischen Abfahrten bei den richtigen Bedingungen gut mit Schnee bedeckt.

Das Problem ist, dort hin zu kommen. Ohne Ski-Infrastruktur dauert es schon fünf Stunden, um an den Fuß der Abfahrten zu gelangen. Die eigentliche Arbeit beginnt aber erst dort: Sie müssen sich Ihren Weg durch knietiefen Pulverschnee einen 40-Grad-Hang auf 600 m hinauf bahnen. Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt und der Schnee sicher ist.

Nach zwei Wochen, in denen ich vergeblich versuchte, die Abfahrten um den Isskard-Gletscher zu erreichen, traf ich im Supermarkt meinen alten Kumpel Håvard Ånensen, eine lokale Snowboard-Legende. „Die Bedingungen waren gefährlich, aber das eigentliche Problem war schon, zum Fuß der Abfahrten zu gelangen. Selbst wenn der Aufstieg sicher gewesen wäre, hätten wir nicht wirklich dort fahren können“, erzählte ich ihm, während der Kassierer das Bier über die Kasse zog, das ich gekauft hatte, um meine Sorgen zu ertränken.

Die zwei Wochen waren warm und windig gewesen, es hatte geschneit und geregnet. Praktisch jedes Wetter, das man in den Bergen nicht haben will. Jetzt waren aber leichter Schneefall, stabile Temperaturen und endlich drei Tage Sonne vorhergesagt. Das könnte unsere einzige Chance sein, in diesem Winter auf die Abfahrten zu kommen. „Wir sollten einfach da oben einziehen“, meinte Håvard, der gerne bei der Action dabei sein wollte. „Wenn wir da oben wären, sobald das Wetter aufklart, wären wir ausgeruht und könnten beim ersten Tageslicht starten“. Ich stimmte zu und erzählte dem Kameramann von dem neuen Plan.

Ich schaffte es gerade noch, einen extra Schokoriegel reinzustopfen und verstaute dann gefriergetrocknetes Essen für eine Woche, einen Campingkocher, Brennstoff, Polartec Alpha-Isolierung von Kopf bis Fuß, einen zusätzlichen Satz wollener Baselayer und Socken, eine leichte Daunenjacke, Solarmodule für die Kameraausrüstung und die Camping-Grundausstattung in einen 35-Liter-Lyngen- und einen 45-Liter-Trollveggen-Rucksack. Der Helm wurde im Gypsy-Stil hinten drauf geschnallt. Ich dachte kurz darüber nach, etwas zum Lesen mitzunehmen, aber entschied dann, dass das Taschenbuch für meine ohnehin überladenen Rucksäcke zu schwer sei.

Vom Ozean und durch die Wolken hindurch betrachtet, wirkten die Berge dunkel, felsig und wenig einladend. Hier unten regnete es und ich, Håvard und Lars Nilssen, ein weiterer Snowboarder, schleppten uns durch den nassen Schnee.

Obwohl ich bei solchen Trips immer versuche, mit wenig Gewicht zu reisen, bin ich nicht bereit, bei der Leistung Kompromisse zu machen. Also war meine Ausrüstung trotz technischer Bindungen und leichter Shells genauso weit entfernt von den Zahnstochern der Spandex-Crew wie ich von ihrer Fitness auf der letzten steilen Steigung vor dem Gletscher. „Ich hoffe nur, dass der Schnee da oben gut ist“, rief ich außer Atem dem dunklen Berg und meinen Begleitern zu, die genau wie ich im mittlerweile tiefen, nur noch leicht nassen Schnee mit ihren übergroßen Rucksäcken kämpften.

Bisher war meine Reise voller Enttäuschungen und Rückschläge gewesen, aber gerade als wir oben am Gletscher ankamen, hoben sich der Nebel und die Feuchtigkeit, sodass die massive Ostflanke des Trollvasstind mit tiefverschneiten Vorsprüngen, Graten und schier endlosen Sprungmöglichkeiten im Dämmerlicht vor uns lag. Weitere namenlose Gipfel unter Pulverschnee erhoben sich hinter dem Trollvasstinden, rund um das Ende des Gletschers und auf der Westseite zurück bis zu uns hin.

Ich fühlte mich wie einer der alten Entdecker beim ersten Blick auf die unendlichen Reichtümer der Verbotenen Stadt. Als wir weiter auf den Gletscher wanderten wurden wir langsam von all den Abfahrten umgeben, von denen ich schon immer geträumt hatte. Am Abend im Zelt fiel es mir bei dem Gedanken an das, was hinter der Zeltwand lag, schwer einzuschlafen.

 

„Es wird besser...“, sagte Håvard pragmatisch, „auf lange Sicht wird es besser“. Wir waren am Morgen mitten im Schneesturm erwacht. „Naja, der Wetterbericht lag wohl daneben“, meinte Lars enttäuscht. Er musste an diesem Abend absteigen, da er im echten Leben noch andere Verpflichtungen hatte. Der Kameramann rief an, um uns mitzuteilen, dass er es unten aussitzen würde.

Wenn man im Weiß lebt, wird man leicht verrückt. Essen, Schnee schaufeln, sich in der immer großzügigeren Schneetoilette den Hintern abfrieren, Wasser auftauen, Essen, Schlafen, dann das Ganze von vorn. Am dritten Tag hatte ich mehr als einmal mit der Entscheidung gehadert, das Buch nicht mitzubringen. Aber dann, am Nachmittag, ließ der Schneefall etwas nach, genug, um endlich die Gipfel um uns herum wieder mal zu sehen. Schnell schnallten wir unsere Skier an und fuhren hinüber zum Fuß des Trollvasstinden. Wir schauten uns den Schnee an und diskutierten die Abfahrten wie Kinder Weihnachtsgeschenke im Dezember. Als wir entschieden, dass die Schneeverhältnisse stabil waren, freuten wir uns über den anstrengenden Aufstieg, nachdem wir uns so viele Tage lang im Zelt kaum bewegen konnten.

Beim Klettern über eine Bergwand hat man die Möglichkeit, den Schnee zu fühlen, sich die Strukturen aus der Nähe anzuschauen und ein echtes Gefühl für Maßstäbe und Möglichkeiten zu entwickeln, was beim einfachen Anschauen schlicht nicht möglich ist. Schweren Herzens musste ich dann aber wieder auf meine Abfahrt verzichten, denn kurz vor dem Gipfel verschlechterte sich das Wetter wieder. Gegen den Sturm anschreiend verfluchte ich die unzuverlässigen Meteorologen, denn langsam dämmerte mir, dass ich vielleicht nie bei guten Bedingungen von diesem Berg abfahren würde.

An diesem Abend teilte mir der Kameramann mit, dass er das Warten aufgegeben und einen anderen Job übernommen habe. Ich dachte ernsthaft darüber nach, es ihm gleich zu tun.

Als ich am nächsten Morgen den Zeltreißverschluss für die Morgentoilette aufzog, blickte ich in einen strahlend blauen Himmel. Der ganze Gletscher lag im warmen Sonnenlicht, das die verschneiten Berghänge um uns herum golden wie echte Schätze glänzen ließ. „Aufstehen, aufstehen!“ Verzweifelt schüttelte ich Håvard, damit er sich fertig machte. Ich hatte keine Ahnung, wie lang das Wetter halten würde und wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen. „Mann, ich brauche erst meinen Kaffee“, Håvard schien unbeeindruckt von der überirdischen Lücke in unserer bisher völlig weißen Welt. „Wie du willst, aber dann trink ihn draußen, damit du ein Auge auf mich haben kannst“, antwortete ich ihm, während ich die Skier anschnallte und die kurze Strecke zur Ostflanke des Trollvasstinden sprintete.

 

Wieder oben angekommen, dieses Mal mit Aussicht auf die gesamte Lyngen-Halbinsel, endlose Bergketten durchbrochen von Fjorden und den unendlichen Nordatlantik im Hintergrund, zog ich mir ein paar Schichten Isolierkleidung über und genoss bei ein paar gerösteten Cashew-Kernen den Moment. Das sonnige Wetter schien zu halten, meine Beine waren frisch und der Schnee lag stabil, tief und unberührt bis hinunter zum Camp – ein kleiner schwarzer Punkt in der endlosen weißen Wüste.

Ich spare mir die Details zur Abfahrt (Sie können sie sich auf https://gopro.com/channel/snow/8-bit-ski anschauen), aber ich schrie mir vor Glück das Herz aus dem Leib, während ich zum Camp hinüber fuhr.

Dem Licht der Sonne folgend fuhren wir zwei ähnlich aufregende Gipfel um den Gletscher hinab, bevor es sich gegen fünf Uhr nachmittags wieder zuzog und wir beschlossen, dass unsere Zeit in diesem weißen Hotel zu Ende ging. 

 

Fakten:

Anreise: per Flugzeug nach Tromsø (TOS), von dort per Mietwagen in einer Stunde zur Halbinsel. Den Fährfahrplan gibt es hier. Außerdem fahren regelmäßig Busse.

Beste Reisezeit: Von Mitte März bis Mitte April ist die Chance auf guten Pulverschnee am besten. Touring auf dem Frühjahrsschnee ist bis in den Juni möglich.

Unterkunft: Die Magic Mountain Lodge liegt im Zentrum der Halbinsel, die Lyngen Lodge liegt zwar nicht wirklich auf der Halbinsel, ist aber auch eine gute Option. Beide bieten zertifizierte Bergführer. Online werden auch günstigere Hütten von privat angeboten. Und Campen geht natürlich auch.

Essen: An Downdays lohnt sich angeln. Boote und Aufrüstung können Sie günstig bei den Einheimischen mieten. Dann wird der Ozean zum Supermarkt. Wir haben in einer Stunde genug Kabeljau für 6 Leute gefangen. 

lyngen - skitouren

    Norrøna Magazine