Eine ökologische Perspektive

Welche Folgen entstehen im Zusammenhang mit der herkömmlichen Baumwollproduktion? Wäre ein Wechsel von der herkömmlichen Baumwollproduktion zu einer ökologischen Erzeugung auch eine nachhaltige Option?

Fragen wie diese, gemeinsam mit Aspekten wie dem Nachweis von aus der Baumwollproduktion stammenden Pestizidrückständen in so nördlichen Regionen wie Grönland, haben uns dazu bewegt, die heutige Baumwollindustrie genauer unter die Lupe zu nehmen.

Nach dem Ernten und Pressen der Rohbaumwolle wird​ diese in ein handhabbares Material umgewandelt, eingefärbt, zugeschnitten, genäht, bedruckt, verpackt und versandt. All dies vollzieht sich, ehe schließlich das Endprodukt Ihnen in einem Laden vor Ort begegnet. Ihr Hemd ist ein wahrer Weltenbummler und hat bereits viel erlebt, ehe es zu Hause in Ihrem Schrank landet. Essen Sie Biokost? Vermeiden Sie bei sich zu Hause Pestizide? Dann sollten Sie vielleicht ebenfalls genau hinschauen, was Ihre Kleidung bereits alles hinter sich hat.

Die giftige Realität
„Weltweit wird auf 5 Prozent des Kulturlandes Baumwolle angebaut, doch entfallen darauf 25 Prozent aller insgesamt eingesetzten Pestizide“, erläutert Gjermund Stormoen, ein ehemaliger Mitarbeiter der norwegischen Aufsichtsbehörde Debio, die den Bereich der ökologischen Erzeugung kontrolliert. Dies wirkt sich nicht nur in großem Maße auf die Umwelt aus, sondern ebenfalls auf all jene, die in diesem Produktionsbereich beschäftigt sind. „In der Regel sind es Niedriglohnländer, die sich der Baumwollproduktion widmen, und deren Arbeitskräfte, die den Pestiziden und ihren negativen Auswirkungen unmittelbar ausgesetzt sind. Bei Personen, die über einen gewissen Zeitraum mit Pestiziden in Kontakt kommen, wird ein häufigeres Auftreten von Geburtsschäden beobachtet“, berichtet Herr Stormoen.

Maiken Pollestad Sele, Mitarbeiterin bei Oikos – Organic Norway, ist gleichfalls der Auffassung, dass die direkten negativen Auswirkungen, die auf herkömmliche Art erzeugte Baumwollprodukte auf die Gesundheit haben können, häufig außer Acht gelassen werden. „Zu den Pestiziden, denen die Baumwolle im Rahmen der landwirtschaftlichen Prozesse ausgesetzt wird, kommen während der Textilherstellung noch eine Vielzahl von Chemikalien hinzu. Die sowohl beim Färben als auch Veredeln der Textilien genutzten Verfahren können Giftstoffe beinhalten und zu einem erhöhten Asthma- und Allergierisiko führen. Viele denken, dass es wichtig ist zu wissen, was tatsächlich in der Nahrung enthalten ist, und sich entsprechend für Bio-Lebensmittel zu entscheiden. Unsere Haut ist jedoch unser größtes Atmungsorgan und kann demzufolge auch große Mengen an toxischen Substanzen aus Textilien und vergleichbaren Produkten absorbieren“, erklärt Frau Pollestad Sele.

Vom Aralsee bis nach Grönland
Die herkömmliche Baumwollproduktion wirkt sich sehr stark auf das Grundwasser aus, das nicht nur durch Pestizide kontaminiert, sondern in vielen Fällen erschöpft wird. Der einseitige Produktionsansatz zerstört durch die Eliminierung der Vielfalt der Pflanzen- und Insektenwelt die Struktur des Bodens. Zudem repräsentiert der intensive Einsatz von Düngemitteln 50 Prozent des Energieverbrauchs in der Landwirtschaft und ist eine der größten Quellen des Treibhausgases N2O. Maiken Pollestad Sele bezeichnet dies unumwunden als ein Umweltdesaster.

Die herkömmliche Baumwollproduktion wirkt sich sehr stark auf das Grundwasser aus, das nicht nur durch Pestizide kontaminiert, sondern in vielen Fällen erschöpft wird.

Als ein Beispiel kann der zwischen Kasachstan und Usbekistan gelegene Aralsee dienen, der einst der viertgrößte See der Welt war. Mittlerweile ist ein Großteil dieses Sees ausgetrocknet und anstelle des Wassers finden sich staubtrockene, stark durch Pestizidrückstände kontaminierte Sanddünen. Diese von Winden verwehten staubigen Rückstände konnten bereits in so entfernten nördlichen Regionen wie Norwegen und sogar Grönland nachgewiesen werden. Alles begann in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Bestrebungen, in diesen Trockengebieten die Landwirtschaft durch den Anbau von Baumwolle wiederzubeleben. Und so wurden Bewässerungskanäle eingerichtet, die zuvor in den See mündende Flüsse umleiteten. Bewässerungssysteme dieser Art führen oft zur Versalzung und in der Folge zur Beeinträchtigung der Qualität der Böden. Sand und Salze vom ausgetrockneten Teil des Sees werden zudem vom Wind bis zu den landwirtschaftlichen Nutzflächen des Umlandes getragen, was wiederum im Zusammenwirken mit der Monokultur zur fortschreitenden Minderung der Bodenqualität beiträgt. Gjermund Stormoen von Debio berichtet, dass zur Zeit seines Aufenthalts in Usbekistan im Herbst 2013 – etwa 800 Kilometer südlich des Aralsees – als unmittelbare Folge der Baumwollproduktion das dortige Grundwasser nicht nutzbar war. 

Zur herkömmlichen Herstellung nur eines T-Shirts aus Baumwolle sind 150 g Chemikalien erforderlich.

Löhne für ein lebenswertes Auskommen
Wenn wir einmal kurz unseren Blickwinkel über die Rohstofferzeugung hinaus erweitern, so erkennen wir im Zusammenhang mit der Baumwollproduktion ebenfalls eine Reihe gesellschaftlicher Probleme, beispielsweise die Arbeitsbedingungen. Laut Frau Pollestad gibt es in den Baumwollspinnereien und Textilfabriken Arbeitskräfte, die an sehr langen Arbeitstagen weniger als den Mindestlohn verdienen. The Ethical Trading Initiative in Norway und The Fare Wage Network – unterstützt durch einige Unternehmen wie Norrøna Sport – haben ein Projekt mit der Bezeichnung „levelønn“ (Löhne für ein lebenswertes Auskommen) ins Leben gerufen. Sie planen, Ihre Hauptanstrengungen auf die Arbeitsbedingungen in der gesamten Kette zu richten und sich dafür einzusetzen, dass die betroffenen Arbeitskräfte Löhne erhalten, die ihnen auch ein lebenswertes Auskommen ermöglichen. Eine zertifizierte ökologische Produktion – ein Beispiel ist GOTS – beinhaltet verschiedene ethische Produktionsgrundsätze, die die Voraussetzung für einen gerechteren Handel bilden. Sie setzen gezielt bei der Wertschöpfungskette an, um so bestehende soziale Ungleichheiten zwischen den Verkäufern des Rohmaterials und dem die Produkte herstellenden Unternehmen zu hinterfragen. „Für den Kauf von ökologisch produzierter Baumwolle wird eine Zusatzprämie berechnet und diese Gelder fließen dann direkt an die landwirtschaftlichen Akteure“, führt Frau Pollestad Sele aus.

In der ökologischen Baumwollproduktion werden die Arbeitskräfte besser bezahlt als in der herkömmlichen Baumwollproduktion.

Norrøna nahm mit Beginn der Herstellung von Baumwoll-T-Shirts im Jahr 2006 ökologisch produzierte Baumwolle in seine Kollektion auf und hat seither nur solche neue Baumwollbekleidung eingeführt, die nach ökologischen Grundsätzen hergestellt wurde. „Es war nicht ganz so leicht, einen Zulieferer für unsere Svalbard Arctic-Baumwolljacken und -hosen zu finden“, erzählt Jørgen Jørgensen, CEO von Norrøna. „Sie bestehen aus einem 300-Gramm-Baumwollgewebe, was nicht unbedingt ein sehr gängiges Material ist, aber wir haben letztendlich doch einen Lieferanten gefunden, der entsprechend hochwertige Baumwolle aus ökologischer Produktion bieten kann.“ Bei der Neueinführung der Svalbard-Reihe im Jahr 2016 werden alle Baumwollprodukte von Norrøna zu 100 Prozent aus ökologisch erzeugter Baumwolle bestehen.

Gesunde, glückliche Arbeitskräfte Die ökologische Baumwollproduktion beinhaltet für die Arbeitskräfte gesündere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne.

Herr Jørgensen erläutert, dass gesundheitliche und soziale Aspekte erheblich die Entscheidung beeinflusst haben, sich einem ökologischen Ansatz zuzuwenden. „Wir möchten möglichst geringe Umweltauswirkungen verursachen und im Rahmen der ökologischen Produktion von Baumwollfasern vermeiden wir die Kontaminierung von Natur und Menschen. Die von uns genutzten Fabriken halten sich in ihrer Arbeit ebenfalls an bestimmte Richtlinien, um zu gewährleisten, dass die Textilien den Umwelt- und Gesundheitsstandards während des gesamten Produktionsprozesses entsprechen, einschließlich des Färbens und Veredelns, der gesellschaftlichen Kriterien und der Sicherheit der Arbeitskräfte. Wenngleich es etwas teurer ist, sich für ökologisch produzierte Baumwolle zu entscheiden, und dies auch die Suche nach geeigneten Lieferanten aufwendiger macht, so wird dennoch kein merklicher Preisunterschied an die Endverbraucher weitergegeben“, bemerkt Herr Jørgensen. „Die Qualität entspricht der anderer Baumwollerzeugnisse, weshalb wir guter Hoffnung sind, dass sich die Verbraucher bewusst dafür entscheiden werden, einen eigenen Beitrag zur Förderung der Nachhaltigkeit in diesem Industriezweig zu leisten.“

Die Zukunft der ökologischen Baumwollproduktion
Auslöser des ökologischen Landbaus waren die negativen Folgen der industriellen Produktion. Während der Schwerpunkt in der herkömmlichen Baumwollproduktion auf die Kulturpflanze und auf ihr schnellstmögliches Wachstum gelegt wird, richtet sich das Augenmerk in der ökologischen Produktion auf die Fruchtbarkeit und Struktur der Böden, da dies die Voraussetzungen für eine gute Ernte sind. „Die ökologische Landwirtschaft wird in geringerem Maß durch Überschwemmungen und Dürreperioden gefährdet, und zwar genau deshalb, weil der Boden aufgrund seiner Struktur in der Lage ist, diese Naturrisiken besser zu filtern und zu bewältigen. Dies ist das natürliche Ergebnis dessen, dass anstelle der Pflanze der Boden genährt und gehegt wird. Im Rahmen von Studien konnte nachgewiesen werden, dass der ökologische Landbau sogar nach und nach weniger Wasser benötigt als die herkömmliche Landwirtschaft“, führt Frau Pollestad Sele aus.

Die herkömmliche Baumwollproduktion wirkt sich sehr stark auf das Grundwasser aus, das nicht nur durch Pestizide kontaminiert, sondern in vielen Fällen erschöpft wird.

Beispielsweise konnte die Baumwollproduktion in den Regionen südlich der Sahara seit dem Übergang zum ökologischen Landbau eine Steigerung der Erträge verzeichnen. „Alles hängt von der Bodenstruktur ab“, sagt Frau Pollestad Sele. „Der Übergang von der herkömmlichen zur ökologischen Produktion braucht etwas Zeit, bis alles optimal funktioniert. Dies richtet sich nach dem Grad der Kontaminierung des Bodens, der jeweiligen Niederschlagsmenge und der Temperatur. Man muss dem Boden einfach genug Zeit lassen, zu seiner natürlichen Struktur zurückzukehren, ehe die Vorteile sichtbar werden. Angesichts der höheren Ankaufskosten ökologisch erzeugter Baumwolle sollte eine Veränderung der Produktionsmethoden für die meisten Akteure wirtschaftlich vertretbar sein, und zwar ungeachtet des Umstands, dass es in der Übergangsphase zunächst zu einem Rückgang der Erträge kommen könnte“, erklärt Frau Pollestad Sele.

Klimatische Veränderungen wie Überschwemmungen oder Dürreperioden gefährden die ökologische Produktion in geringerem Ausmaß, weil die natürliche Filterwirkung des Bodens gewahrt bleibt.

„Weltweit repräsentiert die ökologische Baumwollproduktion nur einen sehr geringen Prozentsatz. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, Einfluss auf die Endverbraucher zu nehmen, damit diese eine überlegte Entscheidung treffen können“, führt Frau Pollestad weiter aus. „Denn die Steigerung der Nachfrage nach ökologisch erzeugten Produkten wirkt sich gleichzeitig als Anreiz aus, die landwirtschaftlichen Methoden zu ändern.“

Wäre die Umstellung aller herkömmlichen Verfahren der Baumwollproduktion auf ökologische Methoden hinsichtlich der Folgen für die Nachfrage und die Umwelt ein nachhaltiger Ansatz?

„Generell sollte die Menge der produzierten Baumwolle – wie viele andere Dinge auch – verringert werden. Die ökologische Erzeugung von Baumwolle ist jedoch im Produktionszusammenhang ein nachhaltigerer Denkansatz, da sie einen Fruchtwechsel beinhaltet und die Erhaltung der natürlichen Vielfalt gewährleistet. Die Grundwasserbelastung wird verringert und dies gilt auch für die Belastung durch chemische Pestizide und Düngemittel. All dies, gemeinsam mit den sozialen Aspekten, die mit einer ökologischen Produktion verknüpft sind, ermöglicht im Gegensatz zur aktuellen Situation die Nachhaltigkeit.“

0,7 % der weltweiten Baumwollproduktion erfolgt ökologisch. 94 % der Baumwollprodukte von Norrøna sind ökologischer Herkunft. Und wie ökologisch sieht es in Ihrem Kleiderschrank aus?

1% der weltweiten Baumwollproduktion erfolgt ökologisch.
94 % der Baumwollprodukte von Norrøna sind ökologischer Herkunft.
Und wie ökologisch sieht es in Ihrem Kleiderschrank aus?

Zu 100 % aus ökologisch erzeugter Baumwolle

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