Die lange Tour

Auf Skiern zum besten Aussichtspunkt des Jotunheimen-Gebirges.

Jotunheimen hat eine Schulter, eine starke Schulter, und genau so, wie ein Kind von den Schultern der Mutter aus mehr sehen kann – wahrscheinlich meint es, von seinem Thron aus die ganze Welt zu überblicken – können Sie auf die Schulter von Jotunheimen klettern und weit in die Ferne blicken, bis Ihnen vor lauter Eindrücken fast schwindlig wird. Sie setzen sich auf Ihren Tagesrucksack, der sich schon so oft bewährt hat, und schließen für einen Moment die Augen. Die Erkenntnis steigt in Ihnen auf. Eine Erkenntnis, die so tiefgreifend ist, dass Sie ihr kaum Glauben schenken, denn vielleicht wurden Sie in die Ironiegeneration hineingeboren, und als Mensch der Ironiegeneration sind wir solche Innigkeit nicht gewöhnt, solche starken Emotionen, solche Weisheit. Welche Erkenntnis erlangen Sie? Der Gedanke kommt unerwartet, wie etwas, das einen wärmt, wie gutes Wetter im Januar. Sie denken:

Ausblick schafft Einblick.
Das denken Sie. 
Ausblick schafft Einblick.

Der Gedanke lässt sich nicht abstreifen, weht nicht mit dem Südwestwind davon, schmilzt nicht wie Schnee in der Sonne. Sie blicken nach innen und verstehen, dass diese Erkenntnis Sie von nun an durchs Leben begleiten wird.

Wie ein schlichter Ehering.

Es war die Zeit um Ostern, die Zeit der Hüttentouren, die Zeit, in der sich die auf Skiern verbrachten Tage aneinanderreihen, bis man die Tage am Ende nicht mehr auseinanderhalten kann – ist es das, was man Urlaub nennt? Wie üblich waren wir nach Tyin-Filefjell gefahren – zu unserem Zufluchtsort, unserem Basislager, unserem zweiten Zuhause – und an diesem Osterfest waren wir nicht zu fünft, sondern zu sechst. Wir hatten unseren neugeborenen Jungen mit dabei, der aß und schlief und schlief und aß. Wir schoben ihn im Kinderwagen auf schneebedeckten Hüttenpfaden und nahmen ihn mit in die Wärmestube der Skianlage. Wir hatten uns entschlossen, diese Osterfeiertage ruhig angehen zu lassen, ein Urlaub in den Bergen ohne großes Trara, eine Festlichkeit, bei der das Baby den Ton angeben sollte. Zur Hälfte oder gegen Ende unseres Urlaubs, ich weiß nicht mehr genau wann, kam ein Wetterbericht, der so schönes Wetter ansagte, dass es geradezu kitschig klang. Die Experten meldeten massenhaft Sonnenschein über ganz Jotunheimen und kein Lüftchen Wind. Da saß ich nun, den Wetterbericht vor mir auf dem Handy, und ertappte mich beim Denken verbotener Gedanken. Jetzt einen Babysitter zu haben, dachte ich. Die Kinder anderen überlassen zu können, nur einen Tag lang, nur einen einzigen Tag lang. Man könnte sich mit der Frau davonmachen, oder mit einem Freund, in Richtung einer der Berggipfel des Hurrungane-Gebiets. Oder man könnte den Falketind besteigen oder den Mjølkedalstinden per Eisaxt bezwingen. 

"Jetzt hast du diesen Blick gehabt", sagte Katrine.

"Was für einen Blick?" fragte ich.

"Den Gebirgstourenblick".

Ich glaube, ich errötete. Wir hatten uns immerhin geeinigt, diesen Blick an diesen Ostertagen nicht zu haben. Ganz in der Nähe der Hütte zu bleiben, kurze Touren zu unternehmen, einander hier eine Stunde freizugeben, dort eine Stunde.

Katrine lächelte. Dann sagte sie:

"Nimm Gjendine und Ea mit, und geht auf den Langeskavltinden".

Das hörte sich eher nach einem Befehl als nach einem Vorschlag an.

Eine Minute später rief ich meinen guten Hüttennachbarn Fredrick an.

"Willst du mit auf den Langeskavltinden kommen"? Bringst du Matilde mit?

"Wann"? sagte Fredrick.

"Morgen", sagte ich.

"Na klar doch", sagte Fredrick.

Wir begannen zu packen. Was packt man denn ein, wenn man mit Kindern im Alter von 12, 9 und 8 Jahren in Jotunheimen auf Skiern auf Gebirgstour gehen will? Man packt eine ganze Menge ein. Genügend warme Kleidung ist ein Muss. Kleiderschichten aus Wolle. Reservemütze. Reservefausthandschuhe. Etwas zu essen. Etwas zu trinken. So etwas. Und einen Spaten. Und eine Isomatte. Und Ausrüstung für ein Notbiwak. Und eine Karte. Und einen Kompass. Und viele weitere Details gibt es zu bedenken.

Die zwölfjährige Gjendine hatte ihre eigenen Tourenskier. Die neunjährige Matilde und die achtjährige Ea hatten keine. Also verstauten wir ihre Alpinskischuhe im Rucksack und befestigten ihre Alpinskier in den Seitenschlaufen. So konnten die beiden Mädchen auf Langlaufskiern nach oben wandern und diese auf dem Gipfel gegen Alpinskier austauschen.

An jedem Ostermorgen kann man sich von einem Raupenfahrzeug des Transportunternehmens Jotunheimen og Valdresruten Bilselskap über den See Tyin zur Berghütte Fondsbu befördern lassen. Natürlich sollte man die 19 Kilometer selbst bewältigen. Natürlich sollte man nicht schummeln. Aber die Versuchung, an Bord des altertümlichen Fahrzeugs zu steigen, ist doch ein bisschen zu groß. Ein bisschen zu groß, auf der ersten, flachen Etappe davonzubrausen. Ein bisschen zu groß, gleich zu Beginn der Tour schon voll in den Spaß einzusteigen – vor allem, wenn man mit Kindern unterwegs ist. 

 

So ergab es sich, dass wir uns eines frühen Morgens tief im Jotunheimen-Gebirge wiederfanden und an fünf Paar Skiern Steigfelle befestigten. So ergab es sich, dass sich ein ganz gewöhnlicher Osterurlaub wie durch einen Zauberschlag in einen ganz ungewöhnlichen Osterurlaub verwandelte.

Wir gingen los. Ich ging voran und bahnte die Spur. Zum Auftakt schlug ich gleich ein etwas zu rasantes Tempo ein – worüber Fredrick mich subtil in Kenntnis setzte. Man stellte sich auf ein Tempo ein. Alle fielen in eine Art Rhythmus. Die Mädchen plauderten miteinander. Sie lachten. Es herrschte Idylle. Es war die Art von Tag, von der man sonst nur träumt. Ich weiß nicht warum, aber für einen Moment gab ich mich sogar dem Glauben hin, dass wir um die Frage, ob es noch weit sei, herumkommen würden. Von vorneherein hatten wir klipp und klar gemacht, dass es sich hier um eine sehr lange Tour handeln würde – eine seeehr lange Tour – und dass die Expeditionsteilnahme in jeglicher Hinsicht freiwillig, völlig freiwillig, sei. Aber die Frage kam natürlich trotzdem. Weil Fragen dieser Art von Natur aus unumgänglich sind.

"Ist es noch weit, Papa?"

Wir waren vielleicht 46 Minuten gegangen, vielleicht 47, möglicherweise 48. Wie gesagt hatten wir einen Rhythmus gefunden. Wir hatten – so dachte ich – ein stillschweigendes Einvernehmen, dass die Tour gerade erst begonnen hatte, dass es noch unendlich weit war, dass das ja gerade so schön war, dass der ganze Tag noch vor uns lag. So kann man sich irren.

"Ist es noch weit?"

Was soll man antworten? Gibt es Forschung auf diesem Gebiet? Können einem Experten der Psychologie gute Ratschläge geben? Man kann ja schließlich keine Lüge auftischen und sagen, dass wir bald da seien. Das geht nicht. Man kann nicht mit Irritation in der Stimme antworten. Das zöge große Konsequenzen nach sich. Auch kann man nicht mit allzu großem Optimismus in der Stimme antworten. Das könnte entlarvt und auf die ungünstigste Weise ausgelegt werden. Die Erfahrung lehrt einen, dass man so ehrlich wie möglich antworten sollte – mit einer möglichst neutralen Stimme – und eine Portion Verlockung mitschwingen zu lassen, ein bisschen Hoffnung, einen Lichtschimmer.

"Es ist noch sehr weit", sagte ich.

Ich legte eine Denkpause ein. Nicht zu kurz. Nicht zu lang. Das ist wichtig. Dann sagte ich:

"Aber bald machen wir eine Pause".

Wir überquerten die Ostseite des Bergsees Kvitevatnet, arbeiteten uns immer weiter in die Höhe, passierten Bergsee 1527 unterhalb des Gletschers Uranosbreen. Unser Aufstieg führte weiter in Richtung des Bergrückens Langeskavlen, an seine niedrigste Stelle zwischen Langeskavlen und Gipfel. Der Ausblick war schon jetzt gewaltig – zum Uranostinden im Westen, zum Storegut im Osten, 360 Grad um uns herum in die ganze Welt hinaus.

"Das ist absolut fantastisch", sagte die Achtjährige.

"Als würden wir auf einem Dach wandern". Dem Dach Norwegens.

Dann wurde es wieder still. Oft wird es still, wenn man sich dem Ziel nähert. Nicht nur, weil man weit gewandert ist. Nicht nur, weil man nicht mehr so viel Energie hat. Sondern auch, weil dieser Moment etwas Magisches hat, Zickzack-Skispuren hinter uns im Schnee, innerer Frieden.

Die Mädchen gingen bis zur Gipfelmarkierung vor. Sie lächelten. Sie streckten die Skistöcke in die Luft. Fredrick und ich konnten die Zufriedenheit in ihren Augen leuchten sehen, trotz ihrer Sonnenbrillen.

"Es ist traumhaft hier", sagte die Zwölfjährige.

"Ich bin so froh, dass wir hierher gewandert sind".

Und wenn man dann lange ganz oben auf dem Gipfel war… es ist so windstill, dass das Baumwollhemd völlig ausreicht, die Kinder reden miteinander über dies und das, sie bitten um das Fernglas, lassen sich eine riesige Schokolade schmecken, man nimmt die Skifelle ab, zieht die Schnallen an den Skischuhen fest, die Kinder klicken sich in ihre Bindungen ein, sehen einander an, reine Freude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Geht es jetzt bald los, fragen sie, dürfen sie mit der Abfahrt beginnen, hinunter zu den Waffeln, die es in der Berghütte Fondsbu gibt… da steigt die Erkenntnis wieder in einem auf, ausgelöst durch diesen Gedanken ohne Ironie, diese drei Worte, die vielleicht – im übertragenen Sinne – unser ganzes Dasein im Freien zum Ausdruck bringen.

Ausblick schafft Einblick.
Wollen wir das noch ein letztes Mal wiederholen. Dann lasse ich es gut sein, versprochen.
Ausblick schafft Einblick. 

FaktenWillkommen in Langeskavlstind
Info

Der Langeskavltinden (2014 m ü. NHN) bietet – unserer Meinung nach – den besten Ausblick im Jotunheimen-Gebirge. Der Aufstieg ist nicht schwer, aber lang: Die Hin- und Rückstrecke zur bzw. von der Berghütte Fondsbu ist ca. 20 km lang und hat eine Gesamtsteigung von rund 1100 Höhenmetern. Die Tour lässt sich gut auf gewöhnlichen Fjellskiern (stabile Langlaufskier mit Stahlkante) unternehmen. Doch wenn Sie die Abfahrt wirklich genießen wollen, sind Tourenskier hervorragend geeignet. Kinder können auf Langlaufskiern nach oben laufen und diese auf dem Gipfel gegen Alpinskier austauschen.

 

Reisen

Lassen Sie sich vom Raupenfahrzeug über den See Tyin zur Berghütte Fondsbu transportieren. Ab Fondsbu wandern Sie entlang des Gebirgsbachs Sløtabekken zum Bergsee Sløtatjernet hinauf. Weiter geht es westlich in Richtung des Bergsees Kvitevatnet und aufwärts zum Gebirgseinschnitt zwischen Langeskavlen und Langeskavltinden (Punkt 1752). Folgen Sie dem Bergrücken bis zum Gipfel. Als Rückweg empfehlen wir die Strecke auf den Langeskavlen (1878 m ü. NHN) und von dort hinab in Richtung Bergsee Sløtatjernet. Lassen Sie sich danach auf der Berghütte Fondsbu die Limonade und Waffeln von Solbjørg nicht entgehen!

Übernachtung

Übernachten stehen die bewirtschafteten Hütten Fondsbu (Den Norske Turistforening – norwegischer Bergwanderverein), Eidsbugarden (privat) oder Tyinholmen (privat) zur Auswahl.

 
Mehr Infos jvb.nofondsbu.no tyinholmen.no og eidsbugarden.no

Norrøna Magazine